Die Vielheit der Psyche und die Einheit der psychischen Wirklichkeit

Es liegt nahe, sich die Psyche als ein einheitliches System vorzustellen, innerhalb dessen verschiedene Prozesse stattfinden: Wahrnehmung, Denken, Fühlen, Bewusstwerden. Der Versuch jedoch, ihre Struktur darzustellen, offenbart eine unerwartete Schwierigkeit. Die verschiedenen Gliederungen der Psyche lassen sich nicht in ein einziges System nicht überlappender Bereiche einordnen. Dieselben Elemente gehören gleichzeitig unterschiedlichen Klassen an, während manche Unterscheidungen auf völlig verschiedenen logischen Ebenen liegen.

Diese Schwierigkeit könnte als Mangel des Modells oder als Problem der grafischen Darstellung erscheinen. Es ist jedoch auch eine andere Deutung möglich: Die Psyche besitzt tatsächlich eine Struktur, die sich nicht auf eine einzige Gliederung reduzieren lässt.

Das hier vorgeschlagene Bewusstseinsmodell geht davon aus, dass die Psyche gleichzeitig durch mehrere voneinander unabhängige Unterscheidungen organisiert ist. Dabei ist das Subjekt atomar, die Inhalte der Psyche sind vielfältig, und die psychische Wirklichkeit ist einheitlich.

Diese drei Aussagen widersprechen einander nicht. Im Gegenteil: Erst ihre gemeinsame Betrachtung ermöglicht es, die Beziehungen zwischen dem Subjekt, der Psyche, der Umwelt und der unabhängigen Wirklichkeit genauer zu bestimmen.

Unabhängige Wirklichkeit und psychische Wirklichkeit

Zunächst muss zwischen unabhängiger Wirklichkeit und psychischer Wirklichkeit unterschieden werden.

Die unabhängige Wirklichkeit existiert unabhängig von Psyche und Subjekt. Der Organismus, seine Sinnesorgane und das Gehirn gehören selbst zur unabhängigen Wirklichkeit. Die Einwirkungen der unabhängigen Wirklichkeit auf den Organismus bilden ein notwendiges Glied der Kausalkette. Daraus folgt jedoch nicht, dass fertige psychische Inhalte von außen in die Psyche übertragen werden.

Die Psyche generiert ihre eigenen Inhalte.

Die Umwelt als Bestandteil der psychischen Wirklichkeit ist daher nicht mit der unabhängigen Wirklichkeit identisch. Die unabhängige Wirklichkeit existiert unabhängig vom Subjekt, während das Modell der Umwelt aus den Inhalten der Psyche besteht – aus den Inhalten, die von den psychischen Funktionen generiert werden.

Diese Unterscheidung ist grundlegend. Wird sie nicht vorgenommen, liegt die Vorstellung nahe, Wahrnehmung sei eine Übertragung oder Abbildung bereits fertiger Inhalte aus einer äußeren in eine innere Welt. Das vorliegende Modell geht von keiner solchen Übertragung aus.

Die unabhängige Wirklichkeit ist kausal an der Entstehung psychischer Inhalte beteiligt, die Inhalte selbst entstehen jedoch in der Psyche.

Die ursprüngliche dichotomische Struktur

Die psychische Wirklichkeit entsteht nicht zunächst als etwas Homogenes, das anschließend in einzelne Teile zerlegt wird.

Das Modell geht vom gleichzeitigen Entstehen mehrerer grundlegender Unterscheidungen aus.

Die fundamentalste unter ihnen ist:

Subjekt – Umwelt.

Diese Dichotomie trennt nicht zwei voneinander unabhängige Wirklichkeiten. Beide Pole gehören zur psychischen Wirklichkeit.

Auf der einen Seite befindet sich das Subjekt.

Auf der anderen Seite befindet sich die Umwelt, deren Modell durch die Inhalte der Psyche gebildet wird.

Die unabhängige Wirklichkeit ist deshalb kein drittes Element dieser Dichotomie. Sie liegt außerhalb der psychischen Wirklichkeit, obwohl die kausale Verbindung zwischen unabhängiger und psychischer Wirklichkeit erhalten bleibt.

Die psychische Wirklichkeit existiert somit von Anfang an als eine Wirklichkeit, die durch die Unterscheidung zwischen Subjekt und Umwelt strukturiert ist.

Die Atomarität des Subjekts

Das Subjekt nimmt innerhalb dieser Struktur eine besondere Stellung ein.

Es ist atomar.

Atomarität bedeutet hier weder physische Unteilbarkeit noch eine Aussage über die Struktur des Gehirns oder des Organismus. Der Begriff bezieht sich ausschließlich auf die Struktur des Modells.

Das Subjekt besteht nicht aus psychischen Funktionen. Es gibt kein gesondertes Subjekt der Empfindung, kein Subjekt der Intuition, kein Subjekt des Fühlens und kein Subjekt des Denkens. Ebenso gibt es nicht mehrere Subjekte, die verschiedenen Einstellungen oder verschiedenen Bereichen der Psyche entsprechen.

Im Modell gibt es ein Subjekt.

Die Psyche hingegen ist grundsätzlich anders aufgebaut. Sie ist weder atomar noch homogen.

Bereits auf dieser Ebene zeigt sich somit eine grundlegende Asymmetrie:

Das Subjekt ist eines – die Psyche ist vielfältig.

Diese Asymmetrie bedeutet jedoch nicht, dass die vielfältige Psyche vom einheitlichen Subjekt erst zu einer psychischen Wirklichkeit „zusammengefügt“ werden müsste. Die psychische Wirklichkeit entsteht bereits ursprünglich als einheitliche dichotomische Struktur „Subjekt – Umwelt“.

Die Einheit des Subjekts und die Vielheit der Psyche sind unterschiedliche Eigenschaften dieser Struktur.

Die Vielheit der Psyche

Die Psyche ist in mindestens zweifacher Hinsicht vielfältig.

Erstens werden ihre Inhalte von verschiedenen psychischen Funktionen generiert.

Zweitens ist die Psyche durch voneinander unabhängige strukturelle Unterscheidungen organisiert, die sich nicht aufeinander reduzieren lassen.

Der Versuch, die gesamte Psyche als eine Menge darzustellen, die nacheinander in nicht überlappende Teilmengen zerlegt wird, führt daher zu Schwierigkeiten. Ein Klassifikationsprinzip überschneidet sich mit einem anderen.

Dies bedeutet nicht notwendigerweise einen logischen Widerspruch. Werden Klassifikationen nach unterschiedlichen Kriterien vorgenommen, sind solche Überschneidungen zu erwarten.

Die vier psychischen Funktionen

Die funktionale Vielheit der Psyche besteht aus vier psychischen Funktionen:

S – Empfindung oder Wahrnehmung von Invarianten;

N – Intuition oder Wahrnehmung von Veränderungen;

F – Fühlen oder Generierung von Bedeutung für das Subjekt;

T – Denken oder Generierung von Bedeutung für das Nicht-Subjekt.

S und N sind Wahrnehmungsfunktionen.

Sie unterscheiden sich danach, welche Art von Wahrnehmungsinhalt sie generieren. S nimmt Invarianten wahr – das, was innerhalb eines bestimmten Zeitintervalls unverändert bleibt. N nimmt Veränderungen wahr.

Weder Invarianten noch Veränderungen dürfen dabei als bereits fertige psychische Inhalte verstanden werden, die aus der unabhängigen Wirklichkeit übernommen werden. Die unabhängige Wirklichkeit wirkt auf den Organismus ein; im Verlauf dieser Wechselwirkung generiert die Psyche Wahrnehmungsinhalte.

F und T gehören einer anderen Klasse an.

Sie generieren Bedeutung. F generiert Bedeutung für das Subjekt, T Bedeutung für das Nicht-Subjekt. Im letzteren Fall nimmt Wissen die Form von Information an.

Die vier Funktionen unterscheiden sich somit in erster Linie durch die Art der Inhalte, die sie generieren.

Rational und irrational als Klassen von Funktionen

Damit lässt sich auch die Stellung der Unterscheidung zwischen rational und irrational genauer bestimmen.

Sie besitzt nicht denselben logischen Status wie die fundamentale Dichotomie „Subjekt – Umwelt“.

Das Rationale und das Irrationale bilden zwei Klassen psychischer Funktionen.

Zu den irrationalen Funktionen gehören die Wahrnehmungsfunktionen:

S und N.

Zu den rationalen Funktionen gehören die Funktionen, die Bedeutung generieren:

F und T.

Rational und irrational sollten deshalb nicht als zwei eigenständige Bereiche der Psyche neben beispielsweise Bewusstsein und Unbewusstem dargestellt werden. Es handelt sich um eine Klassifikation bereits bestimmter psychischer Funktionen.

Bewusstsein und Unbewusstes

Eine weitere grundlegende strukturelle Unterscheidung innerhalb der Psyche ist:

Bewusstsein – Unbewusstes.

Diese Unterscheidung erfolgt nach einem völlig anderen Kriterium als die Einteilung der Funktionen in rationale und irrationale.

Jede der vier psychischen Funktionen kann sowohl im Bewusstsein als auch im Unbewussten existieren. Es wäre daher falsch zu behaupten, beispielsweise die rationalen Funktionen gehörten zum Bewusstsein und die irrationalen zum Unbewussten oder umgekehrt.

Bewusstsein und Unbewusstes charakterisieren nicht die Art des generierten Inhalts, sondern dessen Stellung innerhalb der Struktur der Psyche.

Das Bewusstsein steht dabei in unmittelbarer Beziehung zum Subjekt: Die Inhalte des Bewusstseins sind dem Subjekt gegeben. Unbewusste psychische Inhalte sind dem Subjekt nicht unmittelbar gegeben.

Die Unterscheidung zwischen Bewusstsein und Unbewusstem überschneidet sich daher mit der funktionalen Gliederung der Psyche.

Gerade deshalb lassen sich die vier Funktionen und die Dichotomie „Bewusstsein – Unbewusstes“ nicht angemessen als aufeinanderfolgende Ebenen eines einzigen Klassifikationsbaums darstellen.

Die beiden Einstellungen

Eine weitere unabhängige Dimension bilden die extravertierte und die introvertierte Einstellung.

Auch sie dürfen nicht mit Bewusstsein und Unbewusstem gleichgesetzt werden.

Die extravertierte und die introvertierte Einstellung charakterisieren die Beziehung einer Funktion zum Objekt. In der extravertierten Einstellung wird das Objekt als vom Subjekt unabhängig gesetzt. In der introvertierten Einstellung wird das Objekt in Beziehung zu den Bedürfnissen des Subjekts betrachtet.

Jede psychische Funktion kann in beiden Einstellungen auftreten:

Se – Si,
Ne – Ni,
Fe – Fi,
Te – Ti.

Und jede dieser Funktionen kann in ihrer jeweiligen Einstellung sowohl dem Bewusstsein als auch dem Unbewussten angehören.

Auch hier handelt es sich also nicht um aufeinanderfolgende Teilungen einer einzigen Menge, sondern um sich überschneidende, voneinander unabhängige strukturelle Merkmale.

Warum sich die Psyche nur schwer in einem einzigen Schaubild darstellen lässt

Damit wird verständlich, warum der Versuch, die „Struktur der psychischen Wirklichkeit“ zu zeichnen, auf Schwierigkeiten stößt.

Gleichzeitig müssten mehrere Sachverhalte mit unterschiedlichem logischem Status dargestellt werden:

  • die fundamentale Dichotomie „Subjekt – Umwelt“;
  • Bewusstsein und Unbewusstes;
  • die beiden Einstellungen der Funktionen;
  • die vier psychischen Funktionen;
  • die beiden Klassen von Funktionen – rational und irrational.

Versucht man, all dies als Kreise oder ineinander verschachtelte Mengen darzustellen, beginnt das Schaubild dem Modell selbst zu widersprechen.

Der Grund dafür liegt nicht darin, dass die Elemente des Modells unvereinbar wären.

Sie gehören nicht derselben logischen Kategorie an.

„Subjekt – Umwelt“ beschreibt die fundamentale Struktur der psychischen Wirklichkeit.

„Bewusstsein – Unbewusstes“ bezeichnet eine strukturelle Unterscheidung innerhalb der Psyche.

Extraversion und Introversion charakterisieren die Einstellungen der psychischen Funktionen.

S, N, F und T bezeichnen unterschiedliche Arten der Generierung psychischer Inhalte.

Rational und irrational sind Klassen dieser Funktionen.

Ein einziges flaches Schaubild muss deshalb zwangsläufig einen Teil dieser Beziehungen verdecken oder den falschen Eindruck erzeugen, unterschiedliche Klassifikationsprinzipien seien gleichartig.

Die Einheit der psychischen Wirklichkeit

Die Vielheit der Psyche bedeutet nicht eine Vielheit psychischer Wirklichkeiten.

Es gibt nicht eine gesonderte psychische Wirklichkeit der Empfindung, eine andere der Intuition, eine dritte des Fühlens und eine vierte des Denkens.

Alle vier Funktionen generieren Inhalte einer Psyche.

Diese Inhalte bilden das Modell der Umwelt – einen der beiden Pole der fundamentalen Dichotomie der psychischen Wirklichkeit.

Der andere Pol ist das atomare Subjekt.

Die Einheit der psychischen Wirklichkeit lässt sich daher weder auf die Einheit der Psyche noch allein auf die Einheit des Subjekts zurückführen.

Die Psyche ist gerade vielfältig.

Das Subjekt ist eines.

Und die psychische Wirklichkeit stellt eine einheitliche Struktur dar, deren fundamentale Dichotomie zwei grundsätzlich verschiedene Pole einander gegenüberstellt: das Subjekt und die Umwelt.

In diesem Sinne ist die Einheit der psychischen Wirklichkeit mit der inneren Mehrdimensionalität der Psyche vereinbar.

Das Eine und das Viele

Genau an dieser Stelle ergibt sich eine interessante Analogie zu Monotheismus und Polytheismus.

Das atomare Subjekt erinnert an das Prinzip des Einen: Es zerfällt nicht in eine Vielzahl voneinander unabhängiger Subjekte.

Die Psyche dagegen weist Vielheit auf. Sie enthält mehrere nicht aufeinander reduzierbare Arten der Generierung von Inhalten und ist zugleich nach mehreren unterschiedlichen Prinzipien organisiert.

Als Metapher lässt sich diese Struktur mit der Unterscheidung zwischen einem monotheistischen und einem polytheistischen Prinzip vergleichen: das Eine auf der Seite des Subjekts, das Viele auf der Seite der Psyche.

Ein wörtlicher religiöser Vergleich wäre jedoch irreführend. Psychische Funktionen sind keine selbstständigen Subjekte und erst recht keine Analogien zu Göttern. Die Analogie macht lediglich ein allgemeineres philosophisches Problem sichtbar, das wesentlich älter ist als die Unterscheidung zwischen Monotheismus und Polytheismus:

das Problem des Einen und des Vielen.

Im Bewusstseinsmodell schließen das Eine und das Viele einander nicht aus.

Das Subjekt ist atomar.

Die Psyche ist vielfältig.

Die psychische Wirklichkeit ist einheitlich und dichotomisch.

Diese Aussagen beziehen sich auf unterschiedliche Aspekte derselben Struktur und können daher gleichzeitig zutreffen.

Einheit ohne Homogenität

Daraus ergibt sich eine allgemeinere Schlussfolgerung.

Einheit setzt keine Homogenität voraus.

Damit die psychische Wirklichkeit einheitlich sein kann, muss die Psyche weder aus Elementen derselben Art bestehen noch einem einzigen Klassifikationsprinzip folgen oder ihre Inhalte durch einen einzigen universellen Mechanismus generieren.

Im Gegenteil: Ihre Inhalte werden von unterschiedlichen Funktionen generiert. Die Funktionen gehören unterschiedlichen Klassen an, treten in verschiedenen Einstellungen auf und können sowohl im Bewusstsein als auch im Unbewussten existieren.

Vielheit besteht innerhalb einer einheitlichen Struktur.

Möglicherweise liegt genau darin der Grund, warum der Versuch scheitert, die psychische Wirklichkeit in einem einzigen Schaubild aus nicht überlappenden Bereichen darzustellen. Ein solches Scheitern muss nicht auf einen Mangel des Modells hinweisen. Es kann vielmehr darauf hindeuten, dass die psychische Wirklichkeit selbst eine mehrdimensionale Beschreibung erfordert.

Ihre Einheit besteht nicht anstelle der Vielheit, sondern gemeinsam mit ihr.

In der kürzesten Form lässt sich dieser Gedanke so ausdrücken:

Das Subjekt ist atomar. Die Psyche ist vielfältig. Die psychische Wirklichkeit ist einheitlich.

Die fundamentale Struktur, innerhalb deren diese Eigenschaften gemeinsam bestehen, ist die Dichotomie:

Subjekt – Umwelt.