Zwei Einstellungen – warum braucht die Psyche beide?
Carl Gustav Jung verstand Extraversion und Introversion nicht als Verhaltensmerkmale und auch nicht als bloße Persönlichkeitseigenschaften, sondern als zwei grundlegend verschiedene Einstellungen der Psyche zum Objekt. Die extravertierte Einstellung verleiht dem Objekt bestimmende Bedeutung und richtet die psychische Energie auf das Objekt; die introvertierte Einstellung hingegen ist bestrebt, die Macht des Objekts über das Subjekt zu begrenzen und dem Objekt Libido zu entziehen.
Doch warum gibt es überhaupt zwei entgegengesetzte Einstellungen? Welchen Vorteil gewinnt die Psyche durch jede von ihnen?
Jung beantwortete diese Frage mithilfe einer biologischen Analogie.
Er verwies auf zwei grundsätzlich verschiedene Wege der Anpassung lebender Organismen. Der eine beruht auf hoher Fruchtbarkeit bei relativ geringer Widerstandsfähigkeit und kürzerer Lebensdauer des einzelnen Organismus. Der andere beruht auf einem erheblichen Aufwand für die Selbsterhaltung des Individuums bei vergleichsweise geringer Fruchtbarkeit.
Mit diesem Unterschied brachte Jung die beiden psychischen Einstellungen in Verbindung. Der Extravertierte neigt dazu, sich zu „verausgaben“, seine psychische Energie auf die Objekte zu verteilen, während der Introvertierte danach strebt, Energie zu bewahren, die Ansprüche des Objekts zu begrenzen und eine möglichst geschützte Position aufzubauen.
Diese Analogie zeigt, dass beide Einstellungen adaptiv sein können. Sie erklärt jedoch noch nicht, welchen Vorteil die Psyche selbst aus der Existenz zweier entgegengesetzter Beziehungen zur Umwelt gewinnt.
Betrachtet man Extraversion und Introversion im Rahmen des hier vorgeschlagenen Bewusstseinsmodells, wird eine andere Antwort möglich.
Die extravertierte und die introvertierte Einstellung schaffen zwei verschiedene und zugleich notwendige Bedingungen für die Generierung psychischer Inhalte:
Extraversion ermöglicht es der Psyche, die unabhängige Wirklichkeit nicht zu verlieren.
Introversion ermöglicht es der Psyche, nicht in der Vielfalt der unabhängigen Wirklichkeit unterzugehen.
Aus diesem Unterschied lässt sich ein Prinzip ableiten, das hier als Prinzip der psychischen Komplementarität bezeichnet wird.
Extraversion und Introversion als Beziehung zur Umwelt
Im vorgeschlagenen Bewusstseinsmodell werden Extraversion und Introversion durch die Beziehung des Subjekts zur Umwelt bestimmt.
Bei der extravertierten Einstellung wird die Umwelt von Anfang an als unabhängig vom Subjekt existierend vorausgesetzt.
Bei der introvertierten Einstellung wird die Umwelt von Anfang an als zur Befriedigung der Bedürfnisse des Subjekts existierend vorausgesetzt.
Dieser Unterschied ist fundamental.
Er entsteht nicht erst, nachdem die Psyche bereits Inhalte über Objekte gebildet hat, sondern liegt der Art und Weise zugrunde, in der diese Inhalte überhaupt generiert werden.
Psychische Funktionen erhalten keine fertigen Inhalte von außen. Sie generieren selbst Inhalte über die Umwelt. Die Art dieser Generierung hängt jedoch von der Einstellung ab.
Extravertierte Funktionen generieren konkrete Inhalte.
Introvertierte Funktionen generieren abstrakte Inhalte.
Unter Abstraktion ist dabei nicht notwendigerweise Verallgemeinerung zu verstehen. Abstraktion bedeutet vielmehr das Absehen von denjenigen Merkmalen eines Objekts, die für das Subjekt nicht relevant sind.
Damit erweist sich der Unterschied zwischen extravertierter und introvertierter Einstellung zugleich als Unterschied zwischen zwei Arten der Bildung eines Modells der Umwelt.
Das Problem der unerschöpflichen Vielfalt der Umwelt
Jedes Objekt besitzt eine Vielzahl von Merkmalen.
Ein Baum hat eine bestimmte Höhe, eine bestimmte Form des Stammes, eine bestimmte Struktur der Rinde, eine bestimmte Anordnung der Äste, Zahl und Form der Blätter, Farbe, Geruch, Alter und Position im Verhältnis zu anderen Objekten. Seine Äste bewegen sich im Wind, seine Blätter verändern ihre Farbe, Vögel und Insekten erscheinen in seiner Krone, Früchte entstehen, der Baum wirft Schatten und steht in Wechselwirkung mit einer kaum überschaubaren Vielzahl anderer Objekte und Prozesse.
Und all dies stellt nur einen verschwindend kleinen Teil der möglichen Beschreibung eines einzigen Baumes dar.
Die Umwelt enthält eine praktisch unerschöpfliche Vielfalt von Objekten, Prozessen, Merkmalen und Beziehungen.
Die Psyche kann kein erschöpfendes Modell von allem Existierenden bilden.
Sie muss es aber auch nicht.
Das Subjekt muss sich in seiner Umwelt orientieren und in ihr seine Bedürfnisse befriedigen. Deshalb ist Auswahl notwendig.
Genau hier zeigt sich der fundamentale Vorteil der introvertierten Einstellung.
Der Vorteil der Introversion: Auswahl des Relevanten
Bei der introvertierten Einstellung wird die Umwelt in Bezug auf die Bedürfnisse des Subjekts betrachtet.
Dadurch entsteht die Unterscheidung zwischen relevanten und nicht relevanten Merkmalen.
Relevanz lässt sich definieren als die Bedeutsamkeit von Merkmalen eines Objekts für das Subjekt.
Wenn ein Mensch Schutz vor der Sonne sucht, sind für ihn diejenigen Merkmale eines Baumes relevant, die es ermöglichen, ihn als Schattenspender zu nutzen.
Wenn er Früchte benötigt, wird eine andere Gruppe von Merkmalen relevant.
Wenn der Baum den Weg versperrt, sind diejenigen Merkmale relevant, die ihn als Hindernis bestimmen.
Wenn ein Mensch einen Platz zum Ausruhen sucht, verändert sich die Menge der relevanten Merkmale erneut.
Das Objekt bleibt dasselbe.
Was sich verändert, ist die Auswahl der Merkmale, die an der Bildung seines abstrakten Modells beteiligt sind.
Die introvertierte Einstellung ermöglicht es der Psyche daher, die Umwelt nicht in ihrer unerschöpflichen Konkretheit modellieren zu müssen.
Sie beantwortet die Frage:
Was von allem Existierenden ist für das Subjekt relevant?
Dadurch wird die Komplexität des psychischen Modells radikal reduziert.
Es geht jedoch nicht lediglich um eine Einsparung psychischer Energie.
Es entsteht etwas wesentlich Grundsätzlicheres: ein für das Subjekt brauchbares Modell der Umwelt.
Die unüberschaubare Vielfalt von Objekten und Merkmalen verwandelt sich in eine strukturierte Umwelt des Subjekts:
Das ist Nahrung.
Das ist Schutz.
Das ist ein Hindernis.
Das ist ein Weg.
Das ist ein Werkzeug.
Das ist eine Gefahr.
Das ist ein Ort zum Ausruhen.
Die introvertierte Einstellung ermöglicht somit die Auswahl von Merkmalen in Bezug auf die Bedürfnisse des Subjekts.
Darin besteht ihr fundamentaler adaptiver Vorteil.
Relevanz ist nicht Fühlen
An dieser Stelle ist eine wichtige Unterscheidung zwischen Relevanz und dem Inhalt der Funktion des Fühlens erforderlich.
Im vorgeschlagenen Modell generiert die Funktion des Fühlens die Bedeutsamkeit von Wissen für das Subjekt.
Relevanz bestimmt dagegen, welche Merkmale eines Objekts an der Bildung seines abstrakten Modells beteiligt sind.
Es handelt sich um verschiedene Zusammenhänge.
Wenn ein Baum als Schattenspender betrachtet wird, bedeutet dies noch nicht, dass die Funktion des Fühlens eine Bewertung dieses Inhalts generiert hat.
Auf einer grundlegenderen Ebene ist bereits etwas anderes geschehen: Aus der Vielzahl der Merkmale des Baumes wurden diejenigen ausgewählt, die in der jeweiligen Beziehung zum Subjekt relevant sind.
Relevanz ist daher weder eine eigenständige psychische Funktion noch das Ergebnis der Funktion des Fühlens.
Sie folgt unmittelbar aus der introvertierten Einstellung.
Doch die Auswahl erzeugt ein neues Problem
Der Vorteil der introvertierten Einstellung bringt zugleich eine prinzipielle Begrenzung mit sich.
Wenn die Psyche Merkmale von Objekten nach ihrer Relevanz für das Subjekt auswählt, stellt sich die Frage:
Was geschieht mit Merkmalen, deren Bedeutung das Subjekt noch nicht kennt?
Stellen wir uns wieder den Baum vor.
Ein Mensch nähert sich ihm, um Schutz vor der Sonne zu suchen. Für ihn ist der Schatten relevant.
Doch der Baum kann Früchte tragen, von deren Existenz er noch nichts weiß.
In seinem Stamm kann sich eine Höhlung befinden.
Einer seiner Äste kann beschädigt sein und bald herabfallen.
In der Krone kann sich ein Tier befinden.
Der Baum kann eine Eigenschaft besitzen, deren Bedeutung erst morgen oder viele Jahre später erkannt wird.
Würde die Psyche die Umwelt ausschließlich aufgrund bereits bestehender Relevanz modellieren, entstünde ein fundamentales Problem:
Sie könnte vor allem das entdecken, dessen Bedeutung für das Subjekt bereits bekannt ist.
Es würde die Gefahr eines geschlossenen Kreises entstehen.
Das Subjekt wählt Relevantes aufgrund bereits bestehender Bedürfnisse und Modelle aus.
Aus relevanten Merkmalen wird ein abstraktes Modell der Umwelt gebildet.
Neue Inhalte werden im Verhältnis zu diesem Modell generiert.
Dadurch wird wiederum bevorzugt das erfasst, was innerhalb der bereits bestehenden Struktur als relevant erscheinen kann.
Genau an dieser Stelle wird der Vorteil der entgegengesetzten Einstellung sichtbar.
Der Vorteil der Extraversion: die Unabhängigkeit des Objekts vom Subjekt
Bei der extravertierten Einstellung wird die Umwelt als unabhängig vom Subjekt existierend vorausgesetzt.
Das bedeutet, dass die Merkmale eines Objekts ihre Anwesenheit im psychischen Inhalt nicht bereits durch ihren Nutzen oder ihre Relevanz für das Subjekt rechtfertigen müssen.
Das Objekt wird als Objekt einer unabhängigen Wirklichkeit modelliert.
Gerade deshalb ermöglicht die extravertierte Einstellung die Entdeckung:
- dessen, wonach das Subjekt nicht gesucht hat;
- dessen, dessen Bedeutung ihm noch unbekannt ist;
- von Merkmalen, die mit seinen gegenwärtigen Bedürfnissen nicht verbunden sind;
- von Veränderungen, die unabhängig von seinen Zielen stattfinden;
- neuer Möglichkeiten der Nutzung von Objekten;
- bislang unbekannter Gesetzmäßigkeiten der Umwelt.
Die extravertierte Einstellung gewährleistet die Offenheit der Psyche gegenüber der unabhängigen Wirklichkeit.
Bildlich gesprochen ermöglicht sie es der Wirklichkeit, das Subjekt zu überraschen.
Dies besitzt eine fundamentale adaptive Bedeutung.
Die Umwelt verändert sich.
Die Bedürfnisse des Subjekts verändern sich.
Objekte besitzen Eigenschaften, deren Bedeutung nicht im Voraus aus den bereits bestehenden Bedürfnissen des Subjekts abgeleitet werden kann.
Eine Psyche, die ausschließlich Relevantes modellieren könnte, wäre deshalb durch ihr eigenes bisheriges Modell der Wirklichkeit begrenzt.
Die extravertierte Einstellung durchbricht diesen Kreis.
Konkreter Inhalt als Quelle des Neuen
Im vorgeschlagenen Modell generieren extravertierte Funktionen konkrete Inhalte.
Konkretheit erhält hier eine besondere Bedeutung.
Ein konkretes Objekt besitzt Merkmale, die dem Subjekt im gegenwärtigen Moment völlig unwesentlich erscheinen können.
Doch gerade unter diesen Merkmalen kann sich etwas befinden, das später Bedeutung gewinnt.
Konkreter Inhalt ist daher nicht lediglich eine weniger ökonomische oder weniger abstrahierte Form des Wissens.
Er erfüllt eine eigenständige Funktion.
Er bewahrt die Möglichkeit, eine noch unbekannte Relevanz zu entdecken.
Heute ist ein Merkmal irrelevant.
Morgen verändert sich die Situation – und dasselbe Merkmal wird lebenswichtig.
Die extravertierte Einstellung erhält somit den Zugang der Psyche zu dem, was noch nicht in das bestehende Verhältnis zwischen Objekt und Subjekt eingegangen ist.
Zwei entgegengesetzte Gefahren
Nun wird eine fundamentale Symmetrie sichtbar.
Stellen wir uns eine Psyche vor, die ausschließlich über die extravertierte Einstellung verfügt.
Sie wäre maximal offen für die Vielfalt der Umwelt.
Doch daraus entstünde ein anderes Problem.
Die Psyche hätte es mit einer gewaltigen Menge konkreter Objekte und Merkmale zu tun, ohne über ein Prinzip ihrer Auswahl in Bezug auf die Bedürfnisse des Subjekts zu verfügen.
Es entstünde eine Überfülle an Konkretheit.
Jeder Baum wäre genau dieser Baum.
Jedes Objekt wäre eine einzigartige Konstellation zahlreicher Merkmale.
Jede Situation wäre eine neue konkrete Konfiguration der Umwelt.
Die Möglichkeit, die Komplexität der Umwelt in Bezug auf das Subjekt wirksam zu reduzieren, ginge verloren.
Die introvertierte Einstellung löst dieses Problem.
Bleibt jedoch ausschließlich die introvertierte Einstellung, entsteht die entgegengesetzte Gefahr.
Die Psyche wählt Relevantes äußerst effizient aus, läuft aber Gefahr, innerhalb einer Welt eingeschlossen zu bleiben, deren Struktur durch die bereits bestehenden Bedürfnisse des Subjekts bestimmt wird.
Sie könnte ihre Offenheit für das Unerwartete verlieren.
Somit gilt:
Extraversion ohne Introversion: zu viel Welt und zu wenig Auswahl.
Introversion ohne Extraversion: zu viel Auswahl und zu wenig Welt.
Offenheit und Selektivität
Die beiden Einstellungen können daher als Antworten auf zwei entgegengesetzte Probleme betrachtet werden, mit denen die Psyche notwendigerweise konfrontiert ist.
Das erste Problem ist die Offenheit.
Wie kann die Möglichkeit erhalten bleiben, etwas zu entdecken, dessen Bedeutung dem Subjekt noch unbekannt ist?
Diese Möglichkeit wird durch die extravertierte Einstellung gewährleistet.
Das zweite Problem ist die Selektivität.
Wie kann aus der unerschöpflichen Vielfalt der Umwelt dasjenige ausgewählt werden, was für das Subjekt relevant ist?
Diese Möglichkeit wird durch die introvertierte Einstellung gewährleistet.
Der Unterschied lässt sich daher folgendermaßen formulieren:
Die extravertierte Einstellung gewährleistet die Offenheit der Psyche gegenüber der unabhängigen Wirklichkeit.
Die introvertierte Einstellung gewährleistet die Selektivität der Psyche in Bezug auf die Bedürfnisse des Subjekts.
Gerade hier zeigt sich nicht nur der Gegensatz, sondern die Komplementarität der beiden Einstellungen.
Bohrs Prinzip der Komplementarität
Der Begriff der Komplementarität ist vor allem mit Niels Bohr und der Entwicklung der Quantenmechanik verbunden.
In der Quantenphysik zeigte sich, dass bestimmte Phänomene nicht erschöpfend mithilfe eines einzigen klassischen Bildes beschrieben werden können. Unterschiedliche experimentelle Bedingungen machen unterschiedliche Aspekte eines Quantensystems zugänglich, wobei die Bedingungen, unter denen der eine Aspekt beobachtbar wird, mit den Bedingungen für die Beobachtung des anderen unvereinbar sein können.
Bohr schlug vor, solche Beschreibungen nicht lediglich als konkurrierend oder widersprüchlich, sondern als komplementär zu betrachten.
Jede von ihnen ist für eine umfassendere Beschreibung des Phänomens erforderlich, obwohl sie nicht ohne Weiteres in ein einziges klassisches Bild überführt werden können.
Selbstverständlich darf dieses physikalische Prinzip nicht unmittelbar auf die Psyche übertragen werden.
Die Psyche ist kein Quantenobjekt, nur weil sich in ihrer Struktur Gegensätze finden.
Es geht um etwas anderes.
Die Struktur des Komplementaritätsgedankens kann als Ausgangspunkt für die Formulierung eines eigenständigen Prinzips der Organisation der Psyche dienen.
Vom Gegensatz zur Komplementarität
Gegensatz und Komplementarität sind nicht dasselbe.
Der Begriff des Gegensatzes beschreibt die Beziehung zwischen zwei verschiedenen Formen psychischer Organisation.
Der Begriff der Komplementarität beantwortet dagegen eine andere Frage:
Warum braucht das System beide?
Wenn A und B lediglich Gegensätze sind, könnte man annehmen, dass eine Seite vollkommener ist und die andere einen Mangel, eine Abweichung oder eine weniger erfolgreiche Lösung darstellt.
Wenn A und B dagegen komplementär sind, ergibt sich eine grundsätzlich andere Struktur.
Jede Seite eröffnet Möglichkeiten, die der anderen nicht zur Verfügung stehen.
Und zugleich geht jede dieser Möglichkeiten mit einer Begrenzung einher, die durch die entgegengesetzte Seite ausgeglichen wird.
Genau dieses Verhältnis lässt sich zwischen extravertierter und introvertierter Einstellung erkennen.
Die extravertierte Einstellung erhält die Unabhängigkeit des Objekts von den Bedürfnissen des Subjekts – verfügt jedoch nicht über das Prinzip der Auswahl von Merkmalen nach ihrer Relevanz.
Die introvertierte Einstellung ermöglicht die Auswahl des Relevanten – verliert dabei jedoch einen Teil der Konkretheit des Objekts und damit einen Teil seiner Unabhängigkeit vom Subjekt.
Der Gewinn jeder Einstellung ist zugleich mit ihrer Begrenzung verbunden.
Gerade deshalb kann keine der beiden die andere ersetzen.
Das Prinzip der psychischen Komplementarität
Auf dieser Grundlage lässt sich folgendes Prinzip formulieren:
Prinzip der psychischen Komplementarität: Entgegengesetzte psychische Einstellungen und psychologische Funktionen bilden wechselseitig nicht aufeinander reduzierbare Arten der Generierung psychischer Inhalte. Jede von ihnen macht Inhalte zugänglich, die auf die entgegengesetzte Weise nicht generiert werden können. Die Struktur der psychischen Wirklichkeit erfordert daher nicht die Aufhebung der Gegensätze, sondern ihr gemeinsames Bestehen innerhalb der Psyche.
Für Extraversion und Introversion lässt sich das Prinzip genauer formulieren:
Die extravertierte und die introvertierte Einstellung sind psychisch komplementär. Die extravertierte Einstellung ermöglicht die Generierung von Inhalten über die Umwelt unabhängig von der Relevanz ihrer Merkmale für das Subjekt. Die introvertierte Einstellung ermöglicht die Auswahl der für das Subjekt relevanten Merkmale und die Generierung abstrakter Inhalte auf ihrer Grundlage. Keine der beiden Einstellungen kann die andere ersetzen, da mit dem Wegfall der einen die Offenheit gegenüber der unabhängigen Wirklichkeit und mit dem Wegfall der anderen die Möglichkeit der Auswahl von Inhalten in Bezug auf die Bedürfnisse des Subjekts verloren ginge.
Warum „psychische“ und nicht „psychologische“ Komplementarität?
Hier ist es sinnvoll, zwischen zwei möglichen Bezeichnungen zu unterscheiden: psychologische Komplementarität und psychische Komplementarität.
„Psychologische Komplementarität“ könnte als methodologisches Prinzip der Psychologie verstanden werden – beispielsweise als Notwendigkeit, verschiedene psychologische Theorien oder unterschiedliche Arten der Beschreibung des Menschen miteinander zu verbinden.
Das hier vorgeschlagene Prinzip betrifft jedoch nicht in erster Linie die wissenschaftliche Beschreibung der Psyche.
Die Komplementarität soll vielmehr eine Eigenschaft der Organisation der Psyche selbst bezeichnen.
Extravertierte und introvertierte Einstellungen existieren nicht deshalb, weil es für den Forscher nützlich wäre, die Psyche aus zwei Perspektiven zu betrachten. Sie stellen zwei verschiedene Bedingungen der Generierung psychischer Inhalte dar.
Daher erscheint die Bezeichnung „Prinzip der psychischen Komplementarität“ präziser.
Komplementarität als mögliches allgemeines Prinzip des Bewusstseinsmodells
Die Bedeutung dieses Prinzips könnte jedoch weit über den Gegensatz von Extraversion und Introversion hinausreichen.
Das vorgeschlag
ene Bewusstseinsmodell ist grundsätzlich durch eine Struktur von Gegensätzen gekennzeichnet.
Mit dem Bewusstsein entstehen:
- Subjekt und Umwelt;
- Bewusstsein und Unbewusstes;
- extravertierte und introvertierte Einstellung;
- Wahrnehmung von Invarianten und Wahrnehmung von Veränderungen;
- Generierung der Bedeutsamkeit von Wissen für das Subjekt und Generierung der Bedeutsamkeit von Wissen für das Nicht-Subjekt.
Damit stellt sich eine allgemeinere Frage:
Warum ist die Psyche durch Gegensätze strukturiert?
Gegensätze werden leicht als Konflikte verstanden: Die eine Seite steht der anderen im Wege, und Entwicklung müsste demnach zu ihrer Versöhnung, Synthese oder Überwindung führen.
Das Prinzip der psychischen Komplementarität eröffnet eine andere Möglichkeit.
Vielleicht existieren Gegensätze deshalb, weil eine einzige Art der Generierung von Inhalten prinzipiell nicht die gesamte Vielfalt psychischer Inhalte hervorbringen kann, die für das Bestehen der psychischen Wirklichkeit erforderlich ist.
Dann wäre der Gegensatz kein Defekt der Organisation der Psyche, sondern eine Bedingung für die Erweiterung ihrer Möglichkeiten.
Komplementarität bedeutet keine Vermischung
Diese Unterscheidung ist besonders wichtig.
Wenn zwei psychische Einstellungen oder Funktionen komplementär sind, folgt daraus nicht, dass ihre Vermischung einen optimalen Zustand darstellen würde.
Im Gegenteil.
Ihre Komplementarität erhält ihren Sinn gerade dadurch, dass sie verschieden bleiben.
Wenn die introvertierte Einstellung keine Merkmale mehr nach ihrer Relevanz für das Subjekt auswählt, verliert sie den Vorteil, der gerade aus dieser Auswahl entsteht.
Wenn die extravertierte Einstellung nur noch diejenigen Merkmale in das Modell des Objekts aufnimmt, die für das Subjekt bereits relevant sind, verliert sie ihre Offenheit gegenüber der unabhängigen Wirklichkeit und damit die Möglichkeit, etwas zu entdecken, dessen Bedeutung dem Subjekt noch unbekannt ist.
Komplementarität setzt daher nicht die Aufhebung der Grenze zwischen Gegensätzen voraus, sondern die Erhaltung ihrer funktionalen Verschiedenheit.
Damit lässt sich auch der Begriff der Ganzheit der Psyche anders verstehen.
Ganzheit muss nicht die Verschmelzung des Verschiedenen bedeuten.
Die Psyche kann gerade deshalb ein ganzheitliches System bilden, weil in ihr verschiedene, wechselseitig nicht aufeinander reduzierbare Arten der Generierung von Inhalten erhalten bleiben.
Eine mögliche Verbindung zu Exploration und Exploitation
In Lerntheorien, Verhaltenswissenschaften, der Entscheidungsforschung und der künstlichen Intelligenz ist das Problem von Exploration und Exploitation gut bekannt.
Ein System muss einerseits bereits bekannte Möglichkeiten nutzen und andererseits seine Umwelt erkunden und neue Möglichkeiten entdecken.
Nutzt es ausschließlich das bereits Bekannte, kann es bessere Möglichkeiten niemals entdecken.
Erkundet es dagegen ausschließlich die Umwelt, gewinnt es fortwährend neue Informationen, nutzt aber bereits gefundene Möglichkeiten nicht ausreichend.
Zwischen diesem Problem und dem Gegensatz von introvertierter und extravertierter Einstellung besteht eine interessante strukturelle Ähnlichkeit.
Die introvertierte Einstellung ermöglicht es, Inhalte über die Umwelt in Bezug auf die Bedürfnisse des Subjekts zu bilden und damit bereits erkannte Relevanz zu nutzen.
Die extravertierte Einstellung hält die Psyche offen für Merkmale und Veränderungen, deren Bedeutung für das Subjekt noch nicht bestimmt ist.
Es wäre jedoch nicht gerechtfertigt, Extraversion mit Exploration und Introversion mit Exploitation gleichzusetzen.
Es handelt sich um unterschiedliche theoretische Konstruktionen.
Die strukturelle Ähnlichkeit besteht lediglich darin, dass ein adaptives System zwei Möglichkeiten erhalten muss: bereits erkannte Relevanz zu nutzen und zugleich für dasjenige offen zu bleiben, was noch nicht als relevant erkannt wurde.
Auch dieser Zusammenhang hilft zu verstehen, warum beide Einstellungen notwendig sein könnten.
Ein neues Verständnis der Kompensation
Jung ging davon aus, dass die bewusste Einstellung durch die entgegengesetzte unbewusste Einstellung kompensiert wird.
Ist das Bewusstsein überwiegend extravertiert, erhält das Unbewusste eine introvertierte Ausrichtung.
Ist das Bewusstsein überwiegend introvertiert, wird diese Einstellung durch eine extravertierte Ausrichtung des Unbewussten kompensiert.
Im Rahmen des Prinzips der psychischen Komplementarität erhält diese Beobachtung eine mögliche funktionale Erklärung.
Die entgegengesetzte Einstellung ist nicht nur deshalb notwendig, weil die Psyche ein abstraktes Gleichgewicht wiederherstellen müsste.
Sie bewahrt diejenigen Möglichkeiten der Generierung von Inhalten, die durch die vorherrschende Einstellung notwendigerweise eingeschränkt werden.
Je stärker sich die Psyche an der Umwelt als einer vom Subjekt unabhängig existierenden Wirklichkeit orientiert, desto notwendiger wird die Möglichkeit, Merkmale nach ihrer Relevanz für das Subjekt auszuwählen.
Je stärker die Psyche Merkmale nach ihrer Relevanz für das Subjekt auswählt, desto wichtiger wird die Möglichkeit, Inhalte zu generieren, die nicht durch die bereits bestehende Struktur von Relevanzen begrenzt sind.
Kompensation lässt sich somit möglicherweise als Folge von Komplementarität verstehen.
Die entgegengesetzte Einstellung bleibt erhalten, weil die vorherrschende Einstellung gerade aufgrund ihrer Vorteile notwendigerweise einen eigenen Bereich von Begrenzungen erzeugt.
Jeder Vorteil erzeugt einen Bereich der Begrenzung
Dies ist möglicherweise eine der wichtigsten Konsequenzen des Prinzips der psychischen Komplementarität.
Der Vorteil einer bestimmten Art der Generierung psychischer Inhalte kann nicht getrennt von der Begrenzung betrachtet werden, die mit diesem Vorteil entsteht.
Die introvertierte Einstellung ist effizient, weil sie es ermöglicht, von nicht relevanten Merkmalen abzusehen.
Gerade deshalb bleiben jedoch Merkmale außerhalb des von ihr gebildeten abstrakten Inhalts, die noch nicht als relevant erkannt worden sind.
Die extravertierte Einstellung erhält die Konkretheit des Objekts und die Unabhängigkeit der Umwelt vom Subjekt.
Gerade deshalb gewährleistet sie für sich genommen keine Auswahl von Merkmalen in Bezug auf die Bedürfnisse des Subjekts.
Daraus lässt sich eine allgemeinere Formulierung ableiten:
Jede spezialisierte Art der Generierung psychischer Inhalte gewinnt ihre besonderen Möglichkeiten durch eine bestimmte Begrenzung des Inhalts. Die entgegengesetzte Art der Generierung macht dasjenige zugänglich, was aufgrund dieser Begrenzung auf die erste Weise nicht generiert werden kann.
Wenn diese Hypothese zutrifft, könnte das Prinzip der psychischen Komplementarität weit über Extraversion und Introversion hinausreichen.
Komplementarität der psychologischen Funktionen
Dieselbe Frage lässt sich für die entgegengesetzten psychologischen Funktionen stellen.
Im vorgeschlagenen Modell unterscheiden sich die Wahrnehmungsfunktionen durch die von ihnen generierten Inhalte:
S generiert die Wahrnehmung von Invarianten;
N generiert die Wahrnehmung von Veränderungen.
Auch hier lässt sich Komplementarität vermuten.
Für die Bildung eines Modells eines Objekts in der Zeit müssen sowohl das, was erhalten bleibt, als auch das, was sich verändert, wahrgenommen werden.
Würden ausschließlich Veränderungen wahrgenommen, ließe sich nicht bestimmen, was sich verändert hat, denn Veränderung setzt eine in bestimmter Hinsicht erhaltene Identität voraus.
Würden ausschließlich Invarianten wahrgenommen, verschwände die Veränderung aus dem Inhalt: Das Modell enthielte das, was gleich bleibt, nicht jedoch das, was anders wird.
Invarianz und Veränderung sind daher nicht bloß Gegensätze.
Sie können als komplementäre Arten von Inhalten betrachtet werden, die für die Modellierung eines Objekts in der Zeit erforderlich sind.
Eine entsprechende Frage stellt sich bei den rationalen Funktionen.
Die Funktion des Fühlens F generiert die Bedeutsamkeit von Wissen für das Subjekt.
Die Funktion des Denkens T generiert die Bedeutsamkeit von Wissen für das Nicht-Subjekt.
Auch hier kann keine Funktion die andere ersetzen.
Würde ausschließlich die Bedeutsamkeit von Wissen für das Subjekt generiert, fehlte in der psychischen Wirklichkeit die Bedeutsamkeit von Wissen für das Nicht-Subjekt.
Würde ausschließlich die Bedeutsamkeit von Wissen für das Nicht-Subjekt generiert, fehlte die Bedeutsamkeit von Wissen für das Subjekt selbst.
Somit generieren auch hier entgegengesetzte Funktionen verschiedene Arten von Inhalten, die nicht durch dieselbe Funktion hervorgebracht werden können.
Möglicherweise wirkt das Prinzip der psychischen Komplementarität daher auf mehreren Ebenen der Organisation der Psyche.
Subjekt und Umwelt
Führt man diesen Gedankengang weiter, gelangt man zu einer noch fundamentaleren Ebene.
Im vorgeschlagenen Modell wird die psychische Wirklichkeit durch die Dichotomie
Subjekt – Umwelt
bestimmt.
Das Subjekt kann nicht durch die Umwelt ersetzt werden.
Die Umwelt kann nicht auf das Subjekt reduziert werden.
Die psychische Wirklichkeit entsteht als Einheit dieser Dichotomie.
Ohne das Subjekt lässt sich die Bedeutsamkeit von Wissen für das Subjekt nicht bestimmen.
Ohne die Umwelt kann kein Inhalt über dasjenige entstehen, was nicht das Subjekt ist.
Extravertierte und introvertierte Einstellung können dann als zwei verschiedene Beziehungen innerhalb dieser fundamentalen Struktur betrachtet werden.
Bei der extravertierten Einstellung bleibt die Unabhängigkeit der Umwelt vom Subjekt erhalten:
Die Umwelt existiert unabhängig vom Subjekt.
Bei der introvertierten Einstellung wird die Umwelt in Bezug auf die Bedürfnisse des Subjekts betrachtet:
Die Umwelt existiert zur Befriedigung der Bedürfnisse des Subjekts.
Diese beiden Beziehungen sind nicht aufeinander reduzierbar.
Bliebe nur das extravertierte Prinzip bestehen, verlöre der psychische Inhalt die Möglichkeit, Merkmale der Umwelt nach ihrer Relevanz für das Subjekt auszuwählen.
Bliebe nur das introvertierte Prinzip bestehen, wäre der Inhalt auf Merkmale beschränkt, die für das Subjekt relevant sind, und die Psyche verlöre ihre Offenheit für diejenigen Merkmale der unabhängigen Wirklichkeit, deren Relevanz noch nicht erkannt wurde.
Die beiden Einstellungen ermöglichen es daher gemeinsam, beide Pole der psychischen Wirklichkeit zu erhalten: Subjekt und Umwelt.
Sich nicht verschließen und sich nicht auflösen
Vielleicht lässt sich die funktionale Bedeutung der beiden Einstellungen am kürzesten folgendermaßen ausdrücken:
Extraversion verhindert, dass sich die Psyche in der Welt des Subjekts verschließt.
Introversion verhindert, dass sich das Subjekt in der Welt der Objekte auflöst.
Die erste erhält die Offenheit gegenüber der unabhängigen Wirklichkeit.
Die zweite erhält die Bezogenheit dieser Wirklichkeit auf das Subjekt.
Die erste ermöglicht es, etwas zu entdecken, dessen Bedeutung noch unbekannt ist.
Die zweite ermöglicht es, aus der Vielfalt der Umwelt dasjenige auszuwählen, was für das Subjekt relevant ist.
Die erste verhindert, dass die bereits bestehende Struktur der Relevanzen zur Grenze der psychischen Wirklichkeit wird.
Die zweite verhindert, dass die unerschöpfliche Vielfalt der Umwelt jede Auswahl unmöglich macht.
Keine der beiden Einstellungen stellt daher eine vollkommenere Form der anderen dar.
Ihre Verschiedenheit besitzt eine eigenständige Bedeutung.
Von Jung zum Prinzip der psychischen Komplementarität
Jung erkannte in Extraversion und Introversion zwei fundamentale Arten der Anpassung und versuchte, ihr Nebeneinander mithilfe einer biologischen Analogie zu erklären.
Diese Idee behält ihre Bedeutung.
Das vorgeschlagene Modell erlaubt es jedoch, die Frage auf einer anderen Ebene zu stellen.
Man kann nicht nur fragen:
Welche Lebensstrategie entspricht der jeweiligen Einstellung?
Man kann auch fragen:
Welche Möglichkeiten der Generierung psychischer Inhalte entstehen durch die jeweilige Einstellung?
Dann zeigt sich eine bemerkenswert symmetrische Struktur.
Die extravertierte Einstellung gewährleistet die Offenheit der Psyche gegenüber der unabhängigen Wirklichkeit.
Die introvertierte Einstellung gewährleistet die Auswahl von Merkmalen in Bezug auf das Subjekt.
Jede erhält ihren Vorteil aufgrund des Prinzips der Inhaltsbildung, das zugleich ihre Begrenzung bestimmt.
Jede lässt Inhalte außerhalb ihres Bereichs, zu denen die entgegengesetzte Einstellung Zugang eröffnet.
Die beiden Einstellungen konkurrieren daher nicht lediglich miteinander und kompensieren einander auch nicht nur.
Sie ergänzen einander gerade dadurch, dass sie Gegensätze bleiben.
Schluss
Extraversion und Introversion können nicht nur als zwei allgemeine Einstellungstypen im Sinne Jungs und nicht nur als zwei biologisch verwurzelte Strategien der Anpassung betrachtet werden.
Im vorgeschlagenen Bewusstseinsmodell bestimmen sie zwei verschiedene Arten der Bildung psychischer Inhalte.
Bei der extravertierten Einstellung wird die Umwelt als unabhängig vom Subjekt existierend vorausgesetzt. Dadurch bleibt die Psyche für das konkrete Objekt offen – einschließlich jener Merkmale, deren Bedeutung für das Subjekt noch unbekannt ist.
Bei der introvertierten Einstellung wird die Umwelt als zur Befriedigung der Bedürfnisse des Subjekts existierend vorausgesetzt. Dadurch wird die Unterscheidung zwischen relevanten und nicht relevanten Merkmalen sowie die Bildung abstrakter Inhalte durch das Absehen von nicht relevanten Merkmalen möglich.
Beide Einstellungen sind für das Bestehen der psychischen Wirklichkeit im vorgeschlagenen Modell notwendig.
Die Psyche muss Inhalte über dasjenige generieren können, wonach das Subjekt nicht gesucht hat und dessen Bedeutung ihm noch unbekannt ist.
Sie muss aber zugleich aus der unerschöpflichen Vielfalt der Umwelt diejenigen Merkmale auswählen können, die für das Subjekt relevant sind.
Die Existenz zweier entgegengesetzter Einstellungen lässt sich daher als Ausdruck eines Prinzips der psychischen Komplementarität verstehen:
Entgegengesetzte und wechselseitig nicht aufeinander reduzierbare Arten der Generierung psychischer Inhalte sind komplementär, wenn jede von ihnen Inhalte ermöglicht, die aufgrund der jeweiligen Art ihrer Bildung durch die entgegengesetzte Weise nicht generiert werden können.
Ein solches Verständnis erlaubt einen anderen Blick auf die Rolle von Gegensätzen in der Psyche.
Ein Gegensatz muss nicht notwendigerweise ein Problem sein, das die Psyche zu überwinden hat.
Im Gegenteil: Entgegengesetzte Einstellungen und Funktionen könnten gerade deshalb notwendig sein, weil keine von ihnen die andere ersetzen kann.
Möglicherweise erhält die Psyche gerade durch diese Struktur die Fähigkeit, eine psychische Wirklichkeit zu bilden, in der beide fundamentalen Pole zugleich erhalten bleiben: Subjekt und Umwelt.
Die extravertierte Einstellung verhindert, dass die Welt ausschließlich zur Welt des Subjekts wird.
Die introvertierte Einstellung verhindert, dass das Subjekt in der unerschöpflichen Vielfalt der Welt verschwindet.
In diesem Sinne sind die beiden Einstellungen nicht nur entgegengesetzt, sondern psychisch komplementär.