Was einmal im Kopf ist, bleibt dort? Über „schlechte Information“, Mozart und die Psyche

Tatjana Tschernigowskaja, eine russische Wissenschaftlerin auf den Gebieten der Neurowissenschaften, Psycholinguistik und Bewusstseinsforschung, wird häufig mit folgender Aussage zitiert:

Jeder von uns wird mit seinem eigenen neuronalen Netz geboren; mehr noch, kleine Kinder haben mehr Neuronen als Erwachsene, weil diejenigen, die nicht gebraucht werden, verschwinden. Auf dieses neuronale Netz wird dann der Text unseres Lebens geschrieben. Wenn der Augenblick der Begegnung mit dem Schöpfer kommt, wird jeder seinen Text vorlegen, und darin wird alles zu sehen sein: was er gegessen, getrunken, mit wem er Umgang gehabt hat. Wenn keine Alzheimer- oder Parkinson-Krankheit vorliegt, speichert das Gehirn sämtliche Informationen, an denen es vorbeigegangen ist, die es gerochen, geschmeckt, getrunken hat und so weiter – alles liegt dort. Wenn Sie sich daran nicht erinnern, bedeutet das nicht, dass es nicht im Gehirn vorhanden ist. Es gibt viele Möglichkeiten, das zu beweisen; die einfachste ist Hypnose. Deshalb sage ich immer wieder: Man darf keine dummen Bücher lesen, sich nicht mit Idioten abgeben, keine schlechte Musik hören, minderwertiges Essen zu sich nehmen, talentlose Filme ansehen. Wenn wir verrückt genug sind, auf der Straße einen Schawarma zu essen, kann man ihn aus dem Magen wieder herausholen, aus dem Kopf aber niemals: Was einmal hineingefallen ist, ist verloren.

„Das Gehirn speichert sämtliche Informationen … Deshalb darf man keine dummen Bücher lesen …“

Abgesehen von dem logischen Fehler – das eine folgt aus dem anderen nicht – enthält diese Aussage etwas noch Interessanteres: Der Fehler hängt mit der Vorstellung von Kultur und Psyche zusammen, die in der gesamten Formulierung zum Ausdruck kommt.

Der erste Teil kann für sich genommen Gegenstand wissenschaftlicher Diskussion sein:

„Das Gehirn speichert sämtliche Informationen, an denen es vorbeigegangen ist … Wenn Sie sich daran nicht erinnern, bedeutet das nicht, dass sie nicht im Gehirn vorhanden sind.“

Wörtlich genommen ist „speichert sämtliche Informationen“ natürlich eine außerordentlich starke Behauptung. Aber nehmen wir um des Arguments willen an, dass sehr viele Einwirkungen tatsächlich irgendwelche Spuren hinterlassen, die dem willkürlichen Erinnern nicht zugänglich sind.

Und dann folgt:

„Deshalb darf man keine dummen Bücher lesen …“

Doch dieses „deshalb“ funktioniert nicht.

Aus

A: Wahrgenommenes kann Spuren hinterlassen

folgt keineswegs

B: Man sollte nur Inhalte wahrnehmen, die bereits im Voraus als hochwertig anerkannt wurden.

Damit B aus A folgen könnte, wäre eine ganze Reihe zusätzlicher Voraussetzungen nötig:

Alles, was im Gehirn bleibt, beeinflusst uns → schlechter Inhalt beeinflusst uns notwendigerweise schlecht → dieser Einfluss kann nicht verwandelt werden → die Begegnung mit etwas Schlechtem kann nichts Wertvolles hervorbringen → wir können im Voraus zuverlässig unterscheiden, was „gut“ und was „schlecht“ ist.

Doch jedes einzelne Glied dieser Kette ist fragwürdig.

Jedes Mal, wenn ich dieser Aussage Tschernigowskajas begegne, muss ich an Anna Achmatowa denken:

Anna Achmatowa

Ich brauche keine Heerscharen von Oden
und nicht den Reiz elegischer Einfälle.
Für mich muss in Gedichten alles unpassend sein,
nicht so wie bei den Leuten.

Wenn ihr nur wüsstet, aus welchem Kehricht
Gedichte wachsen, ohne sich zu schämen —
wie der gelbe Löwenzahn am Zaun,
wie Kletten und Melde.

Ein zorniger Zuruf, der frische Geruch von Teer,
geheimnisvoller Schimmel an der Wand …
Und schon erklingt das Gedicht — keck und zärtlich,
euch und mir zur Freude.

Denn hier begegnen uns beinahe entgegengesetzte Vorstellungen von der Psyche.

Im einen Fall erscheint die Psyche wie ein Raum, der vor Verunreinigung geschützt werden muss: Legt man ein schlechtes Buch, schlechte Musik oder einen schlechten Menschen hinein, bleibt all das dort und verdirbt einen.

Bei Achmatowa dagegen erscheint die Psyche als generatives System. Aus Zufälligem, Niedrigem, Unangenehmem, Banalem, Komischem oder Hässlichem kann etwas von völlig anderer Art entstehen.

Achmatowa ist hier also nicht nur eine schöne literarische Assoziation. Ihr „Kehricht“ verweist auf ein Prinzip, das sehr gut mit einem generativen Verständnis der Psyche vereinbar ist:

Psychischer Inhalt gelangt nicht in fertiger Form von außen in die Psyche. Er wird von der Psyche generiert.

Wenn ein Mensch „schlechte Musik“ hört, bedeutet das nicht, dass sich anschließend ein kleiner, unveränderlicher Bestandteil „schlechter Musik“ in seiner Psyche befindet.

Die unabhängige Wirklichkeit wirkt auf den Organismus ein, psychischer Inhalt aber wird von der Psyche generiert. Die Interaktion mit demselben Objekt kann zur Generierung völlig unterschiedlicher psychischer Inhalte führen.

Deshalb gibt es zwischen der Qualität eines Reizes und der Qualität des entstehenden psychischen Inhalts keine einfache Funktion:

schlecht am Eingang → schlecht im Inneren.

Und auch die Umkehrung

Hochkultur am Eingang → hochwertiger psychischer Inhalt im Inneren

ist keineswegs garantiert.

Man kann sein ganzes Leben lang große Philosophen lesen und Banalitäten hervorbringen.

Und man kann im Bus einen absurden Satz hören – und daraus wächst eine Idee.

Achmatowas

„aus welchem Kehricht / Gedichte wachsen“

lässt sich beinahe verallgemeinern:

Wir wissen nicht im Voraus, aus welchem „Kehricht“ ein Gedanke wachsen wird.

Das ist ein stärkerer Einwand gegen Tschernigowskajas Aussage als lediglich der Hinweis, man solle andere Menschen nicht als „Idioten“ bezeichnen. Das Problem liegt tiefer: Ihrer Aussage liegt unausgesprochen ein passives Modell der Psyche zugrunde, in dem die Qualität des psychischen Inhalts durch die Qualität des konsumierten Materials bestimmt wird.

Wenn die Psyche jedoch ein System ist, das Inhalte generiert, dann folgt die Beziehung

„schlecht am Eingang → schlecht im Inneren“

schlicht nicht aus der Funktionsweise der Psyche.

Mozart hört zu

Noch genauer als bei Achmatowa zeigt sich das Verhältnis zum vermeintlich „Minderwertigen“ in Alexander Puschkins Mozart und Salieri.

Achmatowa spricht davon, woraus schöpferisches Neues entstehen kann. Puschkin dagegen stellt zwei verschiedene Reaktionen eines schöpferischen Bewusstseins auf ein unvollkommenes Objekt unmittelbar nebeneinander.

Mozart ist auf dem Weg zu Salieri, als er vor einem Wirtshaus einen blinden Geiger hört, der Mozart spielt. Er findet die schlechte Darbietung so komisch, dass er den alten Mann kurzerhand mitnimmt, um auch Salieri damit zu erfreuen:

Mozart

Gerade eben. Ich war auf dem Weg zu dir,
ich brachte etwas mit, das ich dir zeigen wollte;
doch als ich an einem Wirtshaus vorbeikam, hörte ich plötzlich
eine Geige … Nein, mein Freund Salieri!
Etwas Komischeres hast du dein Lebtag
nicht gehört … Ein blinder Geiger spielte im Wirtshaus
Voi che sapete. Ein Wunder!
Ich hielt es nicht aus und brachte den Geiger mit,
um dich mit seiner Kunst zu erfreuen.
Komm herein!

Ein blinder alter Mann mit einer Geige tritt ein.

Etwas von Mozart für uns!

Der Alte spielt eine Arie aus Don Giovanni; Mozart lacht laut.

Salieri

Und du kannst darüber lachen?

Mozart

Ach, Salieri!
Musst du nicht selbst lachen?

Salieri

Nein.
Ich finde es nicht komisch, wenn ein schlechter Maler
mir Raffaels Madonna beschmiert;
ich finde es nicht komisch, wenn ein verächtlicher Possenreißer
Alighieri durch eine Parodie entehrt.
Geh, Alter.

Mozart

Warte doch: Hier, nimm,
trink auf meine Gesundheit.

Mozart hat keineswegs die Fähigkeit verloren, gutes von schlechtem Musizieren zu unterscheiden. Im Gegenteil: Um die Komik einer schlechten Aufführung der eigenen Musik so deutlich zu hören, muss er sehr genau wissen, wie diese Musik klingen kann.

Seine Offenheit bedeutet also nicht den Verzicht auf Qualitätskriterien.

Salieri hört und verwirft.

Mozart hört – und hört weiter.

Der blinde Geiger wird nicht dadurch zum großen Musiker, dass Mozart über ihn lacht. Aber sein schlechtes Spiel wird zu einem interessanten Ereignis.

Und genau hier wird die Szene für unsere Frage besonders aufschlussreich.

Das Objekt ist, wenn man so will, „minderwertig“: eine schlechte musikalische Darbietung.

Das Ergebnis der Interaktion mit diesem Objekt ist aber keineswegs „minderwertiger psychischer Inhalt“.

Es entsteht Komik.

Die schlechte Darbietung überträgt ihre „Schlechtigkeit“ nicht in Mozarts Psyche. Dort entsteht etwas anderes.

Man kann die drei Reaktionen fast nebeneinanderstellen:

Tschernigowskaja: schlechte Musik → nicht hören.

Salieri: schlechte Mozart-Darbietung → Entweihung hoher Kunst.

Mozart: schlechte Mozart-Darbietung → Lachen.

Dasselbe „schlechte“ Material – und ein völlig anderes psychisches Ergebnis.

Puschkin führt damit beinahe literarisch vor, was sich theoretisch so formulieren lässt:

Die Qualität eines Objekts bestimmt nicht die Qualität des psychischen Inhalts, der in der Interaktion mit ihm generiert wird.

Mozart und Achmatowa

So erscheinen Puschkins Mozart und Achmatowa plötzlich als Verwandte.

Bei Achmatowa wächst aus etwas, dem kein offensichtlicher hoher Rang zukommt, ein Gedicht.

Bei Puschkins Mozart kann etwas künstlerisch Schlechtes einen neuen psychischen Inhalt hervorbringen – in diesem Fall das Komische.

Beide stehen damit der Vorstellung eines sterilen Schöpfertums entgegen, das sich ausschließlich mit dem Besten umgeben müsse, um selbst das Beste hervorzubringen.

Salieris Welt dagegen ist hierarchisch geordnet: oben und unten, Meister und Handwerker, Raffael und schlechter Maler, Mozart und blinder Geiger. Das Niedrige neben dem Hohen bedeutet Verunreinigung.

Bei Mozart verschwindet die Grenze zwischen gut und schlecht nicht.

Aber sie bleibt für die Interaktion durchlässig.

Tschernigowskaja: Das Schlechte darf nicht hinein.

Salieri: Das Schlechte beschmutzt das Gute.

Mozart: Er hört das Schlechte – und lacht.

Achmatowa: Aus „Kehricht“ wachsen Gedichte.

Und das hier vorgeschlagene Modell fügt nur einen erklärenden Satz hinzu:

Psychischer Inhalt gelangt nicht in fertiger Form von außen in die Psyche; er wird von der Psyche generiert.