Was ist die primäre Funktion der menschlichen Sprache – Denken oder Kommunikation?
Auf den ersten Blick mag diese Frage beinahe terminologisch erscheinen. Sprache wird offensichtlich für beides verwendet. Wir sprechen mit anderen Menschen – und wir sprechen mit uns selbst. Wir formulieren Mitteilungen – und wir formulieren Gedanken.
Wenn wir jedoch nicht danach fragen, wofür der heutige Mensch Sprache verwenden kann, sondern danach, welche Aufgabe zu ihrer Entstehung geführt haben könnte, wird die Frage wesentlich interessanter.
Noam Chomsky vertritt seit vielen Jahren die Auffassung, dass die grundlegende Organisation der menschlichen Sprache in erster Linie mit dem Denken und nicht mit der Kommunikation zusammenhängt. Ich möchte eine entgegengesetzte Hypothese vorschlagen.
Möglicherweise entstand das Denken in der Form von T gerade deshalb, weil Kommunikation notwendig wurde.
Wenn das zutrifft, wäre die Möglichkeit, Information anschließend zu interpretieren und weiterzuverarbeiten, nicht die ursprüngliche Ursache für die Entstehung von T, sondern eine abgeleitete Folge davon.
Was Chomsky tatsächlich behauptet
Es ist wichtig, Chomskys Position genau wiederzugeben.
Er sagt nicht einfach, dass Menschen Sprache häufig zum Denken benutzen. Seine These ist wesentlich stärker.
Chomsky unterscheidet zwischen einem internen Sprachsystem und seiner Externalisierung – seinem Ausdruck durch Lautsprache, Gebärdensprache und andere sensomotorische Mittel. Das interne System generiert hierarchisch strukturierte Ausdrücke, die als Gedanken interpretiert werden; die Externalisierung ermöglicht es, sie unter anderem für Kommunikation zu verwenden.
In seinen Arbeiten zur Evolution der Sprache wendet sich Chomsky ausdrücklich gegen eine Gleichsetzung von Sprache und Kommunikation. Sprache versteht er als ein spezifisches internes kognitives System; ihre Externalisierung und ihre Verwendung zur Kommunikation sind gegenüber diesem inneren Kern sekundär.
Dabei formuliert Chomsky vorsichtiger, als seine Position manchmal wiedergegeben wird. Die Behauptung, die „Funktion der Sprache“ sei das Denken, hält er selbst für zu pauschal. Der inhaltlich stärkere Satz lautet vielmehr: Das Design der Sprache ist ein System des Denkens.
Die populäre Formulierung „Die Sprache wurde zum Denken geschaffen“ wäre also zu teleologisch und zu grob.
Die Richtung der Hypothese ist jedoch tatsächlich diese:
internes System zuerst – Kommunikation danach.
Chomsky hat sogar ein mögliches evolutionäres Szenario skizziert: Eine Veränderung des Gehirns könnte zunächst bei einem einzelnen Individuum eine neue interne kombinatorische Fähigkeit hervorgebracht haben, die Vorteile beim Planen, Interpretieren und Denken bot. Erst nachdem sich diese Fähigkeit in einer Population verbreitet hatte, wäre ihre Verbindung mit sensomotorischen Systemen – und damit ihre Externalisierung – relevant geworden.
Ich möchte die entgegengesetzte Möglichkeit betrachten.
Warum sollte Wissen überhaupt zu Information werden?
Im hier vorgeschlagenen Modell der Psyche generieren die Funktionen S und N Wissen über Objekte.
S generiert Wissen über Invarianten – über das, was erhalten bleibt.
N generiert Wissen über Veränderungen – über das, was sich verändert.
Das Wissen, das in der Psyche eines Subjekts existiert, kann jedoch nicht unmittelbar auf ein anderes Subjekt übertragen werden.
Nehmen wir an, ich sehe ein Tier, das sich nähert.
Für mich selbst ist es nicht notwendig, das entstandene Wissen zunächst in den Satz zu übersetzen:
„Ein großes Tier nähert sich uns.“
Das Wissen existiert bereits als Inhalt meiner Psyche.
Die Situation ändert sich jedoch grundlegend, wenn dieses Wissen für das Nicht-Subjekt – etwa für einen anderen Menschen – bedeutsam ist.
Nun entsteht eine Aufgabe, die vorher nicht bestand:
Wie kann ich mein Wissen demjenigen zugänglich machen, der dieses Wissen nicht besitzt?
Der psychische Inhalt selbst kann nicht übertragen werden.
Also muss das Wissen eine repräsentierte Form erhalten, mit der ein anderer Organismus interagieren kann und in Bezug auf die eine andere Psyche ihren eigenen Inhalt generieren kann.
Vielleicht ist genau hier der Ursprung der Funktion T zu suchen.
T als Funktion der Kommunikation
Im vorgeschlagenen Modell generiert T – das Denken – Information über ein Objekt entsprechend seiner Bedeutsamkeit für das Nicht-Subjekt.
Diese Definition erhält eine besondere Bedeutung, wenn T im Zusammenhang mit Kommunikation betrachtet wird.
Zunächst existiert Wissen.
Dann entsteht die Bedeutsamkeit dieses Wissens für das Nicht-Subjekt.
Aber das Wissen in der Psyche des ersten Subjekts kann vom zweiten Subjekt nicht unmittelbar übernommen werden.
Deshalb muss das Wissen in einer Form dargestellt werden, die für Übertragung, Interpretation und Verarbeitung geeignet ist.
So entsteht Information.
Die hypothetische Abfolge könnte also lauten:
Wissen über ein Objekt → Bedeutsamkeit des Wissens für das Nicht-Subjekt → Notwendigkeit, dieses Wissen dem Nicht-Subjekt zugänglich zu machen → Darstellung des Wissens in einer übertragbaren Form → Information.
Wenn diese Hypothese zutrifft, wäre Kommunikation nicht eine spätere Anwendung eines bereits entstandenen T.
Im Gegenteil:
Die Notwendigkeit der Kommunikation könnte eine evolutionäre Bedingung für die Entstehung der Funktion T selbst gewesen sein.
Die Möglichkeit, einmal entstandene Information anschließend intern zu interpretieren, zu kombinieren und weiterzuverarbeiten, könnte sich erst danach entwickelt haben.
Warum braucht F keine entsprechende Form?
Hier ist der Vergleich mit der entgegengesetzten rationalen Funktion F besonders interessant.
F generiert die Bedeutsamkeit eines Objekts für das Subjekt.
Diese Bedeutsamkeit kann positiv oder negativ sein und sich in ihrer Intensität unterscheiden.
Eine Musik kann mir ein wenig gefallen.
Ich kann einen Menschen sehr lieben.
Eine Tätigkeit kann mir leicht unangenehm sein.
Ein anderes Objekt kann starke Ablehnung hervorrufen.
F-Inhalt lässt sich also nicht auf eine binäre Alternative reduzieren:
Annehmen – Ablehnen;
Lust – Unlust.
Zwischen den Polen gibt es Abstufungen der Intensität.
Damit diese Bedeutsamkeit jedoch für das Subjekt selbst existiert, muss sie nicht erst in einer für Kommunikation geeigneten Form dargestellt werden.
Wenn ich einen Menschen liebe, muss meine Liebe nicht zunächst zum Satz „Ich liebe diesen Menschen“ werden, um für mich zu existieren.
Wenn mir ein Geruch unangenehm ist, muss ich ihn nicht als unangenehm bezeichnen, um Abneigung zu empfinden.
Wenn mich Musik erfreut, benötigt diese Freude keine sprachliche Form, um Bedeutsamkeit für das Subjekt zu sein.
Das Subjekt ist bereits der Pol der psychischen Wirklichkeit, für den diese Bedeutsamkeit generiert wird.
F benötigt deshalb keine kommunikative Darstellungsform, um als F zu existieren.
Wenn ich dagegen einem anderen Menschen mitteilen möchte:
„Ich liebe ihn.“
„Dieser Geruch ist mir unangenehm.“
„Diese Musik macht mir Freude.“
muss ich meinen psychischen Inhalt in einer Form darstellen, mit der ein anderes Subjekt interagieren kann.
Und hier erscheint wieder T.
Wissen kann nicht unmittelbar übertragen werden
Die Formulierung „Wissen übertragen“ ist bequem, aber im strengen Sinne irreführend.
Wenn ein Mensch einem anderen sagt:
„Draußen regnet es“,
wandert sein Wissen über den Regen nicht von einer Psyche in die andere.
Das erste Subjekt erzeugt durch seinen Organismus ein Objekt der unabhängigen Wirklichkeit – eine lautliche Äußerung.
Diese wirkt auf den Organismus des zweiten Subjekts ein.
Und dessen Psyche generiert ihren eigenen Inhalt.
Kommunikation hat deshalb nicht die Struktur:
psychischer Inhalt A → psychischer Inhalt A.
Sondern eher:
psychischer Inhalt von Subjekt 1 → dargestellte Form in der unabhängigen Wirklichkeit → Interaktion des Organismus von Subjekt 2 mit dieser Form → Generierung psychischen Inhalts durch Subjekt 2.
Dieser Unterschied ist entscheidend.
Denn die Aufgabe der Sprache besteht dann nicht darin, psychischen Inhalt auf physikalisch unmögliche Weise in eine andere Psyche zu kopieren.
Ihre Aufgabe besteht darin, solche Objekte in der unabhängigen Wirklichkeit zu erzeugen, deren Wahrnehmung einer anderen Psyche ermöglicht, mit hinreichendem Erfolg entsprechenden Inhalt selbst zu generieren.
Warum Information anders strukturiert ist als Bedeutsamkeit für das Subjekt
Hier zeigt sich eine interessante Asymmetrie zwischen F und T.
F-Inhalt unterscheidet sich vor allem nach Vorzeichen und Intensität der Bedeutsamkeit.
Positiv – negativ.
Schwach – stark.
T-Inhalt ist anders strukturiert.
Die Information
„Der Zug fährt um 8:17 Uhr ab“
ist nicht positiv oder negativ und besitzt keine Intensität in demselben Sinne, in dem Liebe stark oder Abneigung schwach sein kann.
Dafür verlangt Information eine außerordentlich feine Differenzierung von Bedeutungen.
Zug ist nicht Bus.
8:17 Uhr ist nicht 8:40 Uhr.
Heute ist nicht morgen.
Abfahren ist nicht ankommen.
Berlin ist nicht Hamburg.
Wenn Information für das Nicht-Subjekt bestimmt ist, sind solche Unterschiede entscheidend. Ein anderes Subjekt muss die Möglichkeit erhalten, Wissen gerade über die entsprechenden Objekte und Beziehungen zu generieren.
Vielleicht erklärt dies, warum T eine ganz andere Art der Differenzierung entwickelt als F.
F differenziert Bedeutsamkeit für das Subjekt nach Vorzeichen und Intensität.
T erzeugt ein differenziertes System von Bedeutungen, das für die Darstellung von Wissen für das Nicht-Subjekt erforderlich ist.
Und die menschliche Sprache ist ein außerordentlich mächtiges Mittel dieser Darstellung.
Aber ist die menschliche Sprache nicht viel zu mehrdeutig für Kommunikation?
Hier entsteht ein starkes Argument Chomskys.
Wenn die menschliche Sprache primär für Kommunikation entstanden ist, warum entspricht sie dann so schlecht dem Ideal einer eindeutigen Übertragung?
Natürliche Sprachen sind voller Mehrdeutigkeit.
Bedeutung hängt vom Kontext ab.
Dasselbe Wort oder derselbe Satz kann unterschiedlich verstanden werden.
Bestimmte sprachliche Konstruktionen sind schwer zu interpretieren, obwohl man sie unter rein kommunikativen Gesichtspunkten scheinbar einfacher organisieren könnte.
Chomsky verwendet solche Phänomene als Argument dafür, dass die interne Sprachorganisation primär den Bedingungen interner Berechnung und nicht kommunikativer Effizienz folgt. Wenn beide Anforderungen miteinander in Konflikt geraten, spricht nach seiner Auffassung vieles dafür, dass die interne Berechnung Vorrang hat.
Das ist ein ernst zu nehmendes Argument.
Es setzt jedoch eine bestimmte Vorstellung erfolgreicher Kommunikation voraus.
Kommunikation verlangt keine Eindeutigkeit außerhalb des Kontextes
Für Kommunikation ist es keineswegs notwendig, dass jedes sprachliche Zeichen unabhängig von der Situation genau eine Bedeutung besitzt.
Erforderlich ist etwas anderes:
In einem konkreten Kontext muss das andere Subjekt hinreichende Bedingungen erhalten, um den entsprechenden psychischen Inhalt zu generieren.
Nehmen wir einen sehr einfachen Satz:
„Stell das dort hin.“
Außerhalb einer Situation ist er fast informationslos.
Was ist „das“?
Wo ist „dort“?
Wenn aber zwei Menschen im selben Zimmer stehen, einer eine Tasse in der Hand hält und auf den Tisch zeigt, kann die Kommunikation nahezu fehlerfrei funktionieren.
Kontext ist dann kein Mangel der Sprache, der eine ideale Übertragung stört.
Vielleicht ist Kontext vielmehr Bestandteil des Kommunikationssystems selbst.
Und das wäre durchaus zu erwarten, wenn Kommunikation nicht zwischen zwei Geräten stattfindet, die Symbole kopieren, sondern zwischen zwei Psychen, von denen jede ihren eigenen Inhalt generiert.
Der Morsecode löst dieses Problem nicht
Deshalb erscheint auch die Vorstellung merkwürdig, der Morsecode sei ein Ideal der Kommunikation.
Der Morsecode kann sehr eindeutig bestimmen, welches Zeichen übertragen wurde.
Er bestimmt jedoch nicht, was die Äußerung bedeutet.
Wird ein mehrdeutiger deutscher, russischer oder englischer Satz in Morsecode übertragen, bleibt er mehrdeutig.
Morse codiert Zeichen.
Er beseitigt weder Semantik noch Kontext, Metapher, Ironie, Andeutung oder die Abhängigkeit der Bedeutung von einer Situation.
Hier werden zwei verschiedene Fragen miteinander vermischt:
Wurde das Signal korrekt übertragen?
und
Welchen Inhalt generiert das Subjekt bei der Interaktion mit diesem Signal?
Die erste Aufgabe kann technisch gelöst werden.
Die zweite gehört zur Psyche.
Vielleicht ist Mehrdeutigkeit kein Defekt der Kommunikation
Wenn psychischer Inhalt nicht unmittelbar übertragen werden kann, kann ideale Kommunikation ohnehin nicht darin bestehen, in einer anderen Psyche eine exakte Kopie dieses Inhalts herzustellen.
Das andere Subjekt generiert seinen Inhalt notwendigerweise selbst.
Dann kann die Kontextabhängigkeit der Sprache statt eines Beweises für ihre mangelnde Eignung zur Kommunikation gerade eine Eigenschaft eines außerordentlich flexiblen Kommunikationssystems sein.
Dasselbe Wort kann an der Generierung sehr unterschiedlicher Inhalte beteiligt sein, weil seine Bedeutung durch andere Wörter, die Situation, das gemeinsame Wissen der Gesprächspartner, Intonation, Gestik und den bisherigen Verlauf des Gesprächs präzisiert wird.
Sprache muss die unabhängige Wirklichkeit nicht in jedem Satz vollständig neu codieren.
Sie kann auf bereits vorhandene psychische Inhalte der Kommunikationsteilnehmer zurückgreifen.
Die Frage lässt sich deshalb umkehren:
Wäre es nicht vielmehr erstaunlich, wenn ein Kommunikationssystem zwischen generativen Psychen überhaupt nicht kontextabhängig wäre?
Chomsky und eine alternative Hypothese
Damit stehen zwei unterschiedliche Hypothesen einander gegenüber.
Vereinfacht lässt sich Chomskys Hypothese so darstellen:
internes kombinatorisches System → strukturierter Gedanke → Externalisierung → Möglichkeit der Kommunikation.
Die hier vorgeschlagene Hypothese weist in die entgegengesetzte Richtung:
Wissen → seine Bedeutsamkeit für das Nicht-Subjekt → Notwendigkeit der Kommunikation → Notwendigkeit, Wissen in einer dem Nicht-Subjekt zugänglichen Form darzustellen → Information → Entwicklung von T.
Das beweist nicht, dass Chomsky unrecht hat.
Die Evolution der Sprache ist eine außerordentlich schwierige Forschungsfrage, und konkrete Szenarien ihres Ursprungs bleiben zwangsläufig zu einem erheblichen Teil hypothetisch.
Das vorgeschlagene Modell erlaubt jedoch, eine Frage zu stellen, die in der chomskyschen Konstruktion anders erscheint:
Warum brauchte Wissen überhaupt eine Form der Darstellung?
Für das Subjekt selbst existiert das Wissen bereits.
Das neue Problem entsteht dann, wenn es für das Nicht-Subjekt bedeutsam wird.
Vielleicht war am Anfang nicht der innere Monolog
Man kann sich einen fernen Vorfahren des Menschen vorstellen, der eine Veränderung in seiner Umwelt wahrnimmt.
Er weiß etwas, was ein anderer nicht weiß.
Und dieses Wissen ist für den anderen bedeutsam.
In diesem Augenblick entsteht eine grundsätzlich neue Aufgabe.
Nicht einfach wissen.
Das Wissen dem Nicht-Subjekt zugänglich machen.
Das Wissen selbst kann nicht übertragen werden.
Das Subjekt kann lediglich eine Handlung in der unabhängigen Wirklichkeit ausführen – einen Laut, eine Geste, eine Bewegung, später ein Zeichen, ein Wort, einen Satz, einen Text –, die zum Objekt der Interaktion für einen anderen Organismus wird.
Das andere Subjekt muss sein Wissen selbst generieren.
Wenn gerade diese Aufgabe eine der Bedingungen für die Entstehung von T war, dann ist Kommunikation kein Nebenprodukt des Denkens.
Im Gegenteil:
Das Denken in der Form von T könnte als eine für Kommunikation notwendige psychische Funktion entstanden sein.
Und dann geschah möglicherweise etwas außerordentlich Bedeutendes.
Die Form, die entstanden war, um Wissen einem anderen zugänglich zu machen, wurde auch für das Subjekt selbst verfügbar.
Information kann nicht nur mitgeteilt werden.
Man kann sie interpretieren.
Vergleichen.
Kombinieren.
Transformieren.
Zur Generierung neuer Information verwenden.
Was für Kommunikation entstanden war, konnte zu einem neuen Instrument der eigenen psychischen Tätigkeit werden.
Dann beweist die innere Verwendung der Sprache keineswegs ihre evolutionäre Primarität.
Sie könnte vielmehr eine der bedeutendsten sekundären Errungenschaften der Kommunikation sein.
Was war zuerst – Gedanke oder Mitteilung?
Auf diese Frage lässt sich gegenwärtig keine endgültige Antwort geben.
Chomsky schlägt vor, den Kern der Sprache als internes System zu betrachten, das Gedanken strukturiert, während Kommunikation durch eine nachfolgende Externalisierung ermöglicht wird.
Das hier vorgeschlagene Modell erlaubt die entgegengesetzte Hypothese.
Vielleicht lautete das ursprüngliche Problem nicht:
„Wie kann ich meinen eigenen Gedanken besser organisieren?“
sondern:
„Wie kann ich mein Wissen demjenigen zugänglich machen, der nicht ich ist?“
Wenn psychischer Inhalt nicht unmittelbar übertragen werden kann, musste zur Lösung dieser Aufgabe keine Kopie des Wissens geschaffen werden, sondern eine Form seiner Darstellung.
Gerade eine solche Form macht Information möglich.
Sprache kann daher nicht nur als Mittel verstanden werden, bereits fertiges Denken auszudrücken, sondern als die am höchsten entwickelte Form, in der Wissen für das Nicht-Subjekt existieren kann.
Und die Fähigkeit des Menschen, diese Form anschließend für das eigene Denken zu verwenden, könnte erst später entstanden sein – als Folge davon, dass Wissen irgendwann gelernt hatte, nicht nur für denjenigen zu existieren, der es generiert hatte.
Dann lässt sich die berühmte Frage nach Sprache und Denken umkehren.
Vielleicht sprechen wir nicht deshalb, weil wir zuerst denken gelernt haben.
Vielleicht haben wir gelernt, auf eine bestimmte Weise zu denken, weil wir irgendwann etwas einem anderen mitteilen mussten.