Der Sumpf

Autorin: Tosja Kusnezowa

Bei meiner Geburt bekam ich den Namen Nikolai. Nur für meine Freunde war ich immer Koljan. Die kleinen Kinder auf dem Hof riefen mir hinterher: „Kolka, die Quasselstrippe!“ Als ich jung war, erzählte ich nämlich gern alle möglichen Späße und Witze. Meine Mutter nannte mich Nikola. Für meinen Vater war ich Sohn oder Söhnchen. Aber meine Großmutter nannte mich immer Kolenka. Und dieser Name kam mir von allen am liebevollsten und zärtlichsten vor.

Vielleicht verbrachte ich deshalb so gern den ganzen Sommer bei meinen Großeltern im Dorf. Meine Großmutter buk für mich goldbraune Piroggen. Mein Großvater nahm mich oft mit in den Wald, um Pilze und Beeren zu sammeln. Und immer begleitete uns sein Liebling – die Hündin Naida. Mein Großvater hatte sie als kleinen Welpen am Zaun vor seinem Haus gefunden. Sie zitterte und winselte kläglich. Er hatte Mitleid mit dem ausgesetzten Tier, nahm es mit ins Haus, wärmte es und gab ihm zu fressen …

Als Naida größer geworden war, wurde sie zur treuen Begleiterin meines Großvaters bei all seinen Streifzügen durch den Wald. Auch mit mir spielte sie gern, badete mit mir im Fluss und kam mit zum Angeln. Aber über alles verehrte sie meinen Großvater.

Nur waren im vergangenen Jahr mein Großvater und Naida in den Wald gegangen und nicht wiedergekommen. Das ganze Dorf hatte nach ihnen gesucht, aber ohne Erfolg. Schließlich nahm man an, sie seien im Sumpf ertrunken.

Es gibt da nämlich einen Sumpf im Wald. Eigentlich ist er gar nicht besonders groß. Aber man erzählt, dass schon viele Menschen darin umgekommen seien – sie gingen hinein und kamen nie wieder nach Hause.

Ich konnte das kaum glauben. Mein Großvater kannte den Wald wie seine Westentasche und hätte selbst nachts den Weg nach Hause gefunden. Und außerdem war Naida bei ihm gewesen … Nein, freiwillig konnten die beiden unmöglich in den Morast geraten sein!

Meine Großmutter baute danach sehr schnell ab. Sie wurde schwach, verlor das Interesse am Leben und war oft krank. Deshalb kam ich zu ihr, um ihr bei Haus und Hof zu helfen. Ich reparierte die Veranda, flickte das Dach des Schuppens, schlug die Löcher im Zaun zu und hackte Holz für die Banja.

Obwohl es ein Dorf war, gab es inzwischen Gas – man musste also nicht mehr heizen. Und auch das Wasser kam aus dem Hahn.

Aber etwas war seltsam: Während ich arbeitete, blickte ich immer wieder zum Wald hinüber. Es zog mich geradezu dorthin.

Eines Tages machte ich mich nach dem Frühstück auf den Weg in den Wald, ohne meiner Großmutter etwas zu sagen. Warum auch nicht? Mein Großvater hatte mir dort alle Pfade gezeigt. Ich hatte mit ihm, konnte man sagen, den ganzen Wald durchstreift. Und wenn ich meiner Großmutter etwas sagte, würde sie nur versuchen, mich davon abzuhalten.

Ich beschloss, am Abend zurück zu sein und Pilze fürs Abendessen mitzubringen.

Pilze gab es reichlich, und mein Korb war schnell voll. Eigentlich hätte ich nun nach Hause gehen können. Aber irgendeine Kraft zog mich zum Sumpf.

Ich dachte:

„Ein Grab gibt es nicht. Dann stelle ich mich wenigstens an den Rand des Sumpfes und gedenke Großvater und Naida.“

Und schon stand ich am Rand des Sumpfes.

Plötzlich sah ich eine junge Frau. Sie ging geradewegs auf den Morast zu. Schlank war sie, trug ein weißes Kleid und ein weißes Kopftuch.

„Die ertrinkt doch!“, dachte ich, lief los und rief:

„Da ist Morast! Gehen Sie nicht weiter! Es ist gefährlich!“

Doch sie ging leichtfüßig weiter und sprang von einem Grasbüschel zum nächsten. Meine Rufe hörte sie nicht.

Vor mir sah ich eine kleine Insel festen Bodens mit einem Baum darauf. Ich dachte, von dort aus könnte ich die junge Frau besser sehen, und vielleicht würde sie mich von dort aus auch hören.

Bis zu der Insel waren es zwei Büschel. Ich sprang – eins, zwei …

Das zweite gab unter meinem Fuß nach, doch ich konnte mich noch abstoßen, sprang auf die Insel und klammerte mich an den Stamm des Baumes.

Und plötzlich legte sich dichter, undurchdringlicher Nebel über alles.

Die junge Frau war mir nun völlig egal. Ich dachte nur noch daran, wie ich selbst nicht ertrinken würde. Mir war klar, dass ich von dieser Insel nicht wegkommen würde, solange sich der Nebel nicht lichtete. Also musste ich hier warten.

Ich rückte näher an den Baumstamm, schlang beide Arme darum, drückte mich fest an ihn und blieb sitzen.

Der Nebel verschwand nicht.

Um mich herum waren irgendwelche Geräusche zu hören: Schmatzen, Blubbern, Platschen im Wasser, Flüstern, Kichern. Dann klang es plötzlich, als kämen Schritte näher. Ganz nah.

Aber wegen des Nebels konnte ich nichts sehen.

„Das war’s“, dachte ich. „Jetzt ist es aus mit mir!“

Und da stürzte sich plötzlich etwas Zotteliges auf mich, winselte vor Freude und leckte mir über die Wangen und die Stirn.

„Naida!“, schrie ich. „Wo kommst du denn her? Wo ist Großvater?“

Da kam auch schon mein Großvater näher.

„Hier bin ich, hier!“

Der Nebel begann sich zu lichten.

Mein Großvater und ich umarmten uns.

Ich sagte:

„Alle halten euch für tot! Wie lange man euch im Wald gesucht hat … Schließlich dachten alle, ihr wärt ertrunken.“

Mein Großvater zeigte hinunter zum Sumpf.

„Siehst du den Knüppeldamm?“

Und tatsächlich: Vor mir lag plötzlich ein Weg, ausgelegt mit kräftigen Kiefernstämmen. Dabei war dort nichts gewesen, als ich gekommen war.

„Ja.“

„Dann lass uns von hier verschwinden.“

Wir gingen über den Damm bis zum festen Boden. Mein Großvater führte mich auf den Weg, und wir gingen in Richtung Dorf. Am Waldrand schlug er vor, uns hinzusetzen und ein wenig auszuruhen.

Wir setzten uns.

Da sagte mein Großvater:

„Nicht alles auf der Welt, Kolenka, ist so, wie du es siehst. Unsere Welt ist vielfältig. Jeder sieht darin das, was er in diesem Augenblick sehen muss. Du hast eine schöne junge Frau gesehen, das leicht über den Sumpf ging. Stimmt’s?“

„Stimmt“, bestätigte ich.

„In Wirklichkeit war es eine schreckliche, alte, krummbeinige, mit Schlamm beschmierte Sumpf-Kikimora. Sie wollte dich in den Morast locken.

Du hast dich auf der Insel am Stamm eines Baumes festgehalten. Stimmt’s?“

„Stimmt“, sagte ich und nickte.

„Aber das war kein Baumstamm. Es waren die Überreste des Kreuzes einer Kapelle.

Auf der anderen Seite des Sumpfes gab es früher, noch zu Zarenzeiten, ein Gefängnis für besonders gefährliche Verbrecher. Sie wurden in einer Baracke untergebracht. Daneben gab es ein Bergwerk, in dem sie Erz abbauen mussten. Lange lebten sie nicht. Sie starben noch jung.

Die Wachleute warfen die Leichen einfach in den Sumpf. Begraben wurden sie nicht.

Manche versuchten zu fliehen. Aber die Wachmannschaft hatte zwei Hunde – riesige Wolfshunde. Auf der Straße fanden die Hunde die Flüchtlinge schnell und rissen sie in Stücke. Und diejenigen, die versuchten, durch den Sumpf zu entkommen, fanden hier ihren Tod.

Später baute man an diesem Rand des Sumpfes eine Kapelle und stellte auf ihrer Kuppel ein Holzkreuz auf. Doch mit der Zeit versank auch die Kapelle im Sumpf.

Nur das Kreuz taucht manchmal noch auf.

Gut, dass du dich gerade daran festgehalten hast. Es hat dich gerettet. Im Sumpf hat sich allerlei unreines Gezücht angesiedelt und vermehrt, aber vor dem Kreuz fürchtet es sich.

Wir sind über einen Knüppeldamm aus dem Sumpf herausgekommen. Stimmt’s?“

„Stimmt“, bestätigte ich wieder.

„Nun, einen solchen Damm hat es hier niemals gegeben. Du hast Kiefernstämme gesehen, aber in Wirklichkeit waren es die Leichen der Menschen, die hier ums Leben gekommen sind. Sie stiegen aus dem Sumpf empor, um dich zu retten.

Und weiter: Naida und ich kamen zu dir. Du hast uns lebendig gesehen. Stimmt’s?“

„Stimmt“, flüsterte ich und erschauerte bei seinen Worten.

„Nun, genau diese Kikimora hat auch mich in den Morast gelockt. Und ich bin, genau wie du, losgestürzt, um sie zu retten. Naida wiederum versuchte, mich zu retten.

Wir sind also tatsächlich hier ertrunken.

Du gehst jetzt nach Hause. Deine Großmutter wartet auf dich. Sie war es, die mich angefleht hat, dich zu retten.

Aber Naida und ich müssen zurück.

Leb wohl!“

Und plötzlich verschwanden mein Großvater und Naida. Sie lösten sich einfach in der Luft auf.

Ich rieb mir die Augen.

Ich saß allein am Waldrand. Neben mir stand mein Pilzkorb.

Als ich nach Hause kam, wartete meine Großmutter auf der Veranda.

Ich erzählte ihr alles und fragte sie, wie sie denn meinen Großvater darum gebeten hatte, mich zu retten.

Sie sagte, sie spreche mit seinem Porträt, das über ihrem Bett hängt. Und vor diesem Porträt habe sie ihn gebeten, mir zu helfen.

Nachdem sie das gesagt hatte, ging meine Großmutter zu dem Porträt, strich mit der Hand darüber und sagte:

„Danke. Kolenka ist zurückgekommen und hat mir von dir erzählt. Danke.“

Dann wandte sie sich zu mir.

„Dein Großvater hat dir nicht alles erzählt. Einem Flüchtling aus dem Gefängnisbergwerk ist die Flucht tatsächlich gelungen. Wie durch ein Wunder kam er durch den Sumpf. Danach lebte er noch lange und gründete eine Familie.

Das war mein Großvater.

Und für dich war er also dein Ururgroßvater.“

Seitdem gehe ich nicht mehr zum Sumpf, obwohl ich noch immer bei meiner Großmutter im Dorf wohne.

Pilze und Beeren sammle ich allerdings weiterhin im Wald …

Ich liebe den Wald.

Aber zum Sumpf?

Keinen Fuß mehr!