Psyche, Subjekt und psychische Wirklichkeit

Wenn wir über die Psyche sprechen, ist es sehr leicht, unbemerkt mehrere verschiedene Dinge miteinander zu vermischen: die Wirklichkeit, die unabhängig vom Menschen existiert; den Organismus, der mit dieser Wirklichkeit interagiert; die Psyche; den psychischen Inhalt; das Subjekt; die Umwelt und die psychische Wirklichkeit.

Im alltäglichen Sprachgebrauch führt eine solche Vermischung meist zu keinen größeren Schwierigkeiten. Beim Aufbau eines Bewusstseinsmodells werden die Unterschiede zwischen diesen Begriffen jedoch grundlegend. Werden sie nicht voneinander unterschieden, erscheint die Psyche bald als innere Widerspiegelung der äußeren Welt, bald als Behälter subjektiver Erlebnisse und bald als das Subjekt selbst – als jene Instanz, die wahrnimmt, fühlt und denkt.

Im vorgeschlagenen Modell werden diese Begriffe voneinander unterschieden.

Die unabhängige Wirklichkeit existiert unabhängig von der Psyche. Die Psyche generiert ihren eigenen Inhalt. Dieser Inhalt bildet das Modell der Umwelt. Subjekt und Umwelt bilden die fundamentale Dichotomie der psychischen Wirklichkeit.

Von diesen Unterscheidungen ausgehend lassen sich Psyche, Subjekt und psychische Wirklichkeit konsequent bestimmen.

Die unabhängige Wirklichkeit

Der menschliche Organismus existiert in der Welt und ist ein Teil von ihr. Er interagiert mit der ihn umgebenden physischen Welt, tauscht Materie und Energie mit ihr aus und unterliegt denselben physikalischen Gesetzmäßigkeiten wie andere natürliche Systeme.

Auch die Sinnesorgane und das Gehirn gehören zu dieser Wirklichkeit.

Nennen wir sie unabhängige Wirklichkeit.

Die unabhängige Wirklichkeit existiert unabhängig davon, wie sie in der Psyche repräsentiert wird – oder ob sie dort überhaupt repräsentiert wird.

Diese Definition enthält keine Aussage über ihre letzte ontologische Natur. Für das Bewusstseinsmodell ist lediglich die Unterscheidung zwischen dem wesentlich, was unabhängig vom psychischen Inhalt existiert, und dem psychischen Inhalt selbst.

Die Einwirkungen der unabhängigen Wirklichkeit auf den Organismus bilden ein notwendiges Glied in der Kausalkette, die zur Entstehung psychischen Inhalts führt. Daraus folgt jedoch nicht, dass fertiger psychischer Inhalt von der unabhängigen Wirklichkeit in die Psyche übertragen wird.

Die Psyche empfängt von außen keine fertigen Bilder, Invarianten, Veränderungen, Bedeutungen oder Sinngehalte.

Die Psyche generiert ihren eigenen Inhalt.

Was ist die Psyche?

Die Psyche lässt sich als System der Generierung psychischen Inhalts definieren.

Diese Definition unterscheidet sich grundlegend von der Vorstellung der Psyche als Empfänger, Speicher oder Verarbeitungsapparat für Inhalte, die ursprünglich an einem anderen Ort bereits vorhanden wären.

Auch eine psychische Funktion ist in diesem Modell kein Instrument, das fertigen Inhalt empfängt und anschließend bestimmte Operationen an ihm ausführt. Eine Funktion ist der Prozess der Generierung eines bestimmten Typs psychischen Inhalts und zugleich der Inhalt, der als Ergebnis dieses Prozesses entsteht.

Die vier psychologischen Funktionen generieren vier verschiedene Arten von Inhalt:

S – Wahrnehmung von Invarianten;

N – Wahrnehmung von Veränderungen;

F – Generierung von Bedeutsamkeit für das Subjekt;

T – Generierung von Bedeutsamkeit für das Nicht-Subjekt.

S und N sind Wahrnehmungsfunktionen. Sie generieren Wissen über die Umwelt.

F und T sind rationale Funktionen. Sie generieren die Bedeutsamkeit von Wissen.

Dabei ist die Psyche kein einheitliches homogenes System in dem Sinne, dass all ihr Inhalt durch einen universellen Prozess erzeugt würde oder sich auf ein einziges Klassifikationsprinzip reduzieren ließe.

Ihr Inhalt ist vielfältig.

Er wird von verschiedenen Funktionen generiert; Funktionen können extravertiert oder introvertiert eingestellt sein; Inhalte können dem Bewusstsein oder dem Unbewussten angehören.

Die Psyche lässt sich daher nicht angemessen als ein einheitlicher Raum darstellen, der mechanisch in mehrere voneinander getrennte Bereiche zerlegt ist.

Die Vielheit der Psyche bedeutet jedoch nicht, dass es mehrere psychische Wirklichkeiten gibt.

Um zu verstehen, warum das so ist, muss zunächst bestimmt werden, was in diesem Modell unter Umwelt verstanden wird.

Unabhängige Wirklichkeit und Umwelt

Im alltäglichen Sprachgebrauch werden die Ausdrücke „Außenwelt“, „Wirklichkeit“ und „Umwelt“ häufig beinahe synonym verwendet.

Im Bewusstseinsmodell müssen sie voneinander unterschieden werden.

Die unabhängige Wirklichkeit existiert unabhängig von der Psyche.

Die Umwelt als Pol der psychischen Wirklichkeit wird durch ein Modell repräsentiert, das aus psychischem Inhalt gebildet wird.

Mit anderen Worten: Der Mensch hat keinen unmittelbaren Zugang zur unabhängigen Wirklichkeit in Form eines bereits fertigen Wissens über sie.

Die unabhängige Wirklichkeit wirkt kausal auf den Organismus ein. Wissen entsteht jedoch in der Psyche.

Wenn ein Mensch einen Baum sieht, eine Stimme hört, ein Gesicht erkennt, eine Bewegung bemerkt, eine wiederkehrende Regelmäßigkeit entdeckt oder die weitere Entwicklung eines Ereignisses erwartet, handelt es sich bereits um psychischen Inhalt.

Man kann sich nicht vorstellen, dass der „Baum als psychischer Inhalt“ zunächst in der äußeren Welt existiert und anschließend durch das Sehen in die Psyche übertragen wird.

In der unabhängigen Wirklichkeit finden physische Prozesse statt.

In der Psyche wird Inhalt generiert.

Dieser Inhalt bildet die Umwelt für das Subjekt.

Daher ist die Umwelt innerhalb der psychischen Wirklichkeit nicht mit der unabhängigen Wirklichkeit identisch.

Diese Unterscheidung erlaubt es, sowohl die naive Vorstellung von der Psyche als Spiegel der Welt als auch die gegenteilige Vorstellung von der Psyche als abgeschlossener, von der unabhängigen Wirklichkeit isolierter Sphäre zu vermeiden.

Es besteht eine Verbindung.

Aber diese Verbindung ist kausal; sie besteht nicht in der Übertragung fertigen psychischen Inhalts.

Psychische Wirklichkeit

Nun lässt sich die psychische Wirklichkeit bestimmen.

Sie ist weder die unabhängige Wirklichkeit noch einfach die Gesamtheit psychischer Inhalte.

Psychische Wirklichkeit ist eine einheitliche Struktur, deren fundamentale Dichotomie die Unterscheidung zwischen Subjekt und Umwelt ist.

Diese beiden Pole entstehen nicht als zwei ursprünglich voneinander unabhängige Entitäten, die später auf irgendeine Weise miteinander verbunden werden.

Die Unterscheidung selbst,

Subjekt ↔ Umwelt,

ist die fundamentale Struktur der psychischen Wirklichkeit.

Die psychische Wirklichkeit ist daher von Anfang an dichotomisch.

Auf der einen Seite steht das Subjekt.

Auf der anderen Seite steht die Umwelt, deren Modell durch den Inhalt der Psyche gebildet wird.

Die unabhängige Wirklichkeit ist kein drittes Element dieser Dichotomie. Sie ist überhaupt kein Bestandteil der psychischen Wirklichkeit.

Sie existiert unabhängig von ihr und ist zugleich kausal an der Entstehung psychischen Inhalts beteiligt.

Diese Unterscheidung lässt sich folgendermaßen darstellen:

unabhängige Wirklichkeit → kausale Einwirkung auf den Organismus → Generierung psychischen Inhalts → Modell der Umwelt

Diese Abfolge beschreibt jedoch nur die Entstehung des Inhalts eines der beiden Pole der psychischen Wirklichkeit.

Der andere Pol ist das Subjekt.

Was ist das Subjekt?

Das Subjekt kann nicht mit der Psyche gleichgesetzt werden.

Ebenso wenig lässt es sich als Summe psychischer Funktionen oder als eine Art inneres Zentrum bestimmen, in dem deren Inhalte zusammengeführt werden.

Im Modell besitzt das Subjekt einen völlig anderen logischen Status.

Das Subjekt ist der atomare Pol der psychischen Wirklichkeit, der der Umwelt gegenübersteht.

Atomarität bedeutet hier keine physische Unteilbarkeit und sagt nichts über die Struktur des Gehirns oder des Organismus aus.

Sie ist eine Eigenschaft der Modellstruktur.

Es gibt nicht ein gesondertes Subjekt der Wahrnehmung von Invarianten, ein anderes Subjekt der Wahrnehmung von Veränderungen, ein Subjekt des Fühlens und ein Subjekt des Denkens.

Ebenso gibt es nicht mehrere Subjekte, die verschiedenen Funktionseinstellungen, dem Bewusstsein und dem Unbewussten oder unterschiedlichen Bereichen psychischen Inhalts entsprechen würden.

Es gibt ein Subjekt.

Hier zeigt sich eine fundamentale Asymmetrie des Modells:

Das Subjekt ist atomar, die Psyche hingegen vielfältig.

Das Subjekt ist jedoch kein zentrales Steuerungsorgan der vielfältigen Psyche.

Es verteilt keine Aufgaben an die Funktionen, sammelt nicht deren Ergebnisse und fügt sie nicht zu einem einheitlichen Weltbild zusammen.

Die Einheit der psychischen Wirklichkeit erfordert ein solches inneres Steuerungszentrum überhaupt nicht.

Die psychische Wirklichkeit ist bereits aufgrund ihrer fundamentalen Struktur einheitlich:

Subjekt ↔ Umwelt.

Bewusstsein und Subjekt

Besondere Bedeutung erhält das Subjekt bei der Unterscheidung von Bewusstsein und Unbewusstem.

Bewusstsein und Unbewusstes sind nicht zwei Arten psychologischer Funktionen. Sie kennzeichnen eine andere Dimension der Psyche.

Jede der vier Funktionen kann bewusst oder unbewusst sein.

Bewusster psychischer Inhalt ist dabei dem Subjekt gegeben.

Unbewusster Inhalt ist dem Subjekt nicht unmittelbar gegeben.

Das Subjekt steht daher in Beziehung zum Bewusstsein, ist aber nicht mit dem Bewusstsein identisch.

Man kann nicht sagen:

Subjekt = Bewusstsein.

Das Bewusstsein ist ein Bereich der Psyche, während das Subjekt einer der Pole der psychischen Wirklichkeit ist.

Diese Unterscheidung ist besonders wichtig, weil sie es ermöglicht, das Bild des Bewusstseins als eines kleinen Beobachters im Inneren des Kopfes aufzugeben.

Das Bewusstsein ist nicht das Subjekt.

Das Subjekt ist nicht der Inhalt des Bewusstseins.

Und die Psyche ist nicht das Subjekt.

Wahrnehmung und das Modell der Umwelt

Die Funktionen S und N generieren den Inhalt des Umweltmodells.

S generiert die Wahrnehmung von Invarianten – dessen, was während eines bestimmten Zeitintervalls unverändert bleibt.

N generiert die Wahrnehmung von Veränderungen – dessen, was sich während eines bestimmten Zeitintervalls verändert.

Invarianten und Veränderungen sind keine fertigen Elemente, die von der Psyche aus der unabhängigen Wirklichkeit herausgenommen werden.

Sie sind psychischer Inhalt.

Das bedeutet nicht, dass sie beliebig wären.

Die Psyche generiert sie in der kausalen Interaktion des Organismus mit der unabhängigen Wirklichkeit. Das Ergebnis dieses Prozesses gehört jedoch bereits der Psyche an.

Durch S und N existiert die Umwelt in der psychischen Wirklichkeit als strukturiertes Geschehen: Etwas bleibt bestehen, etwas verändert sich.

Darüber hinaus ermöglicht die Wahrnehmung von Invarianten und Veränderungen nicht nur Wissen über Gegenwart und Vergangenheit.

Sie öffnet die psychische Wirklichkeit zur Zukunft hin.

Die mögliche Zukunft

Invarianten können extrapoliert werden.

Wenn eine bestimmte Eigenschaft bis jetzt stabil geblieben ist, kann die Psyche ihr Fortbestehen in der Zukunft erwarten.

Auch Veränderungen können extrapoliert werden.

Wenn sich ein Objekt oder ein Prozess auf bestimmte Weise verändert, ermöglicht die Richtung dieser Veränderung die Generierung einer möglichen Fortsetzung.

Die psychische Wirklichkeit enthält daher nicht nur psychischen Inhalt, der sich auf bereits Geschehenes oder gegenwärtig Geschehendes bezieht.

Sie umfasst auch mögliche und wahrscheinliche zukünftige Zustände der Umwelt.

Gerade daran wird besonders deutlich, weshalb die Umwelt der psychischen Wirklichkeit keine Kopie der unabhängigen Wirklichkeit sein kann.

Die mögliche Zukunft existiert noch nicht als bereits eingetretener Sachverhalt der unabhängigen Wirklichkeit.

Als psychischer Inhalt kann sie jedoch bereits existieren.

Die Psyche generiert nicht lediglich Wissen darüber, was geschieht.

Sie generiert mögliche Fortsetzungen des Geschehens.

Subjekt und Fühlen

Wenn S und N Wissen über die Umwelt generieren, generieren F und T die Bedeutsamkeit dieses Wissens.

Hier erhält die fundamentale Dichotomie der psychischen Wirklichkeit eine weitere Bedeutung.

F generiert Bedeutsamkeit für das Subjekt.

Diese Definition ermöglicht es, Fühlen von Emotion im alltäglichen Sinn zu unterscheiden.

Die Funktion F „erlebt“ nicht einfach Emotionen.

Sie beantwortet eine strukturell grundlegendere Frage: Welche Bedeutsamkeit hat dieses Wissen für das Subjekt?

Was ist erwünscht?

Was ist unerwünscht?

Was zieht an?

Was stößt ab?

Was ist wichtig?

Was ist gleichgültig?

Was entspricht den Bedürfnissen des Subjekts?

Was widerspricht ihnen?

Die Existenz von F setzt daher das Subjekt als einen der Pole der psychischen Wirklichkeit voraus.

Ohne Subjekt lässt sich nicht bestimmen, was „Bedeutsamkeit für das Subjekt“ bedeutet.

Denken und das Nicht-Subjekt

T bildet den entgegengesetzten Pol der rationalen Dichotomie.

T generiert Bedeutsamkeit für das Nicht-Subjekt.

Das Nicht-Subjekt ist hier nicht als irgendein bestimmter anderer Mensch zu verstehen.

Es bezeichnet all das, in Bezug worauf die Bedeutsamkeit von Wissen unabhängig von den Bedürfnissen des jeweiligen Subjekts bestimmt wird.

Hier entsteht Information.

Wissen, das Bedeutsamkeit für das Nicht-Subjekt gewinnt, wird für Übermittlung, Interpretation und Nutzung durch andere geeignet.

Denken kann in diesem Modell daher nicht auf logische Operationen, Berechnung oder Schlussfolgern reduziert werden.

Sein grundlegender Inhalt wird durch die Beziehung des Wissens zu dem dem Subjekt entgegengesetzten Pol der psychischen Wirklichkeit bestimmt.

Wenn F die Bedeutsamkeit für mich als Subjekt betrifft, führt T das Wissen über diese unmittelbare subjektive Bedeutsamkeit hinaus.

Dadurch kann Wissen die Form von Information annehmen.

Wissen und Bedeutsamkeit

Nun wird sichtbar, warum die vier Funktionen nicht einfach eine Liste von vier unterschiedlichen psychischen Fähigkeiten darstellen.

S und N generieren Wissen:

Invarianten ↔ Veränderungen.

F und T generieren die Bedeutsamkeit von Wissen:

Bedeutsamkeit für das Subjekt ↔ Bedeutsamkeit für das Nicht-Subjekt.

Dies sind zwei verschiedene Dimensionen psychischen Inhalts.

Zunächst mag diese Unterscheidung ungewohnt erscheinen, weil Wahrnehmung, Fühlen und Denken im alltäglichen Sprachgebrauch gewöhnlich als verschiedene Fähigkeiten eines Menschen verstanden werden.

Das Modell stellt jedoch eine andere Frage:

Welche Art von Inhalt wird generiert?

Dann werden zwei fundamentale Paare sichtbar.

Die einen Funktionen generieren Wissen über das Geschehen.

Die anderen generieren die Bedeutsamkeit dieses Wissens.

Psychische Wirklichkeit ist daher nicht nur eine Wirklichkeit von Objekten, Ereignissen, Invarianten und Veränderungen.

Sie ist auch eine Wirklichkeit von Bedeutsamkeit.

Die Psyche ist nicht das Subjekt

Aus dem Gesagten folgt eine Unterscheidung, die leicht aus dem Blick geraten kann.

Die Psyche generiert Inhalt.

Aber die Psyche ist nicht das Subjekt.

Dies ist besonders wichtig für das Verständnis des Fühlens.

Würde man das Subjekt mit der gesamten Psyche gleichsetzen, würde die Definition von F als Generierung von Bedeutsamkeit für das Subjekt beinahe tautologisch: Die Psyche würde Bedeutsamkeit für die Psyche selbst generieren.

Im Modell besitzen Subjekt und Psyche jedoch unterschiedlichen Status.

Die Psyche ist vielfältig.

In ihr existieren verschiedene Funktionen, Einstellungen, bewusste und unbewusste Verbindungen und unterschiedliche Arten der Inhaltsgenerierung.

Das Subjekt ist atomar.

Es ist einer der beiden Pole der psychischen Wirklichkeit.

Der Gegensatz zwischen F und T ist daher nicht mit dem Gegensatz zwischen „subjektiv“ und „objektiv“ im gewöhnlichen Sinn dieser Wörter verbunden, sondern mit der fundamentalen Struktur der psychischen Wirklichkeit:

Subjekt ↔ Nicht-Subjekt.

Psychische Wirklichkeit ist nicht der Inhalt der Psyche

Daraus ergibt sich eine weitere wichtige Präzisierung.

Man kann nicht sagen, die psychische Wirklichkeit befinde sich einfach „in der Psyche“.

Wäre psychische Wirklichkeit die Gesamtheit des psychischen Inhalts, müsste auch das Subjekt zu einem Element dieses Inhalts gemacht werden.

Das Modell setzt dies jedoch nicht voraus.

Der Inhalt der Psyche bildet das Modell der Umwelt.

Das Subjekt ist der diesem Modell entgegengesetzte atomare Pol.

Die psychische Wirklichkeit stellt die Einheit dieser beiden Pole dar.

Daher lassen sich die Beziehungen zwischen den grundlegenden Begriffen des Modells nicht durch die einfache Gleichung ausdrücken:

Psyche = psychische Wirklichkeit.

Ebenso wenig gilt:

Subjekt = Psyche.

Stattdessen lässt sich sagen:

Die Psyche generiert den Inhalt des Umweltmodells; Subjekt und Umwelt bilden die psychische Wirklichkeit.

Diese Unterscheidung ermöglicht es, zugleich den aktiven Charakter der Psyche, die Atomarität des Subjekts und die Einheit der psychischen Wirklichkeit zu bewahren.

Die Einheit der psychischen Wirklichkeit

Die Psyche ist vielfältig.

Ihr Inhalt wird von verschiedenen Funktionen generiert. Funktionen existieren in verschiedenen Einstellungen. Psychischer Inhalt kann bewusst oder unbewusst sein. Verschiedene strukturelle Eigenschaften der Psyche überschneiden sich und lassen sich nicht auf eine einzige Unterteilung reduzieren.

Daraus folgt jedoch nicht, dass mehrere psychische Wirklichkeiten existieren.

Es gibt nicht eine Wirklichkeit von S, eine andere von N, eine dritte von F und eine vierte von T.

Es gibt keine gesonderte extravertierte und keine gesonderte introvertierte psychische Wirklichkeit.

Ebenso gibt es nicht zwei psychische Wirklichkeiten – eine bewusste und eine unbewusste.

Alle diese Unterschiede gehören zur mehrdimensionalen Struktur der Psyche.

Die psychische Wirklichkeit ist einheitlich.

Ihre Einheit wird nicht von den Funktionen erzeugt und auch nicht nachträglich vom Subjekt hergestellt, nachdem einzelne psychische Inhalte bereits entstanden sind.

Sie ist durch die fundamentale dichotomische Struktur gegeben:

Subjekt ↔ Umwelt.

Die Einheit der psychischen Wirklichkeit erfordert daher keine Homogenität der Psyche.

Im Gegenteil: Eine einheitliche psychische Wirklichkeit kann mit einer innerlich vielfältigen und verteilten Psyche zusammen bestehen.

Drei verschiedene Prinzipien

Die Beziehungen zwischen den drei zentralen Begriffen lassen sich nun in kürzester Form formulieren.

Das Subjekt ist atomar.

Die Psyche ist vielfältig.

Die psychische Wirklichkeit ist einheitlich.

Diese drei Aussagen widersprechen einander nicht, weil sie sich auf verschiedene Aspekte des Modells beziehen.

Das Subjekt wird durch seine Position in der fundamentalen Dichotomie der psychischen Wirklichkeit bestimmt.

Die Psyche wird durch die Vielfalt der Prozesse und Strukturen charakterisiert, durch die Inhalt generiert wird.

Die psychische Wirklichkeit wird durch die Einheit der fundamentalen Struktur charakterisiert, innerhalb deren die Unterscheidung zwischen Subjekt und Umwelt besteht.

Erst wenn diese drei Ebenen miteinander vermischt werden, entsteht der Eindruck eines Widerspruchs.

Werden sie unterschieden, ergibt sich ein konsistentes Bild.

Die Psyche als Generierung statt als Widerspiegelung

Das vorgeschlagene Modell verabschiedet sich daher von der Metapher der Psyche als Spiegel.

Die unabhängige Wirklichkeit wird nicht durch Kopieren in psychischen Inhalt verwandelt.

Sie wirkt kausal auf den Organismus ein.

Die Psyche generiert Inhalt.

Die Wahrnehmungsfunktionen generieren Wissen über Invarianten und Veränderungen.

Die rationalen Funktionen generieren die Bedeutsamkeit dieses Wissens – für das Subjekt und für das Nicht-Subjekt.

Der von der Psyche generierte Inhalt bildet das Modell der Umwelt – den Pol der psychischen Wirklichkeit, der dem Subjekt gegenübersteht.

Durch diese Unterscheidung lässt sich der Charakter des psychischen Lebens selbst genauer bestimmen.

Psychisches Leben besteht nicht in der Übertragung von Inhalt aus einer äußeren in eine innere Welt. Es besteht auch nicht in der schrittweisen Verarbeitung eines ursprünglich aufgenommenen Materials, das bereits in fertiger Form alles enthalten hätte, was später im Bewusstsein erscheint.

Psychischer Inhalt entsteht durch die Tätigkeit der Psyche.

Veränderungen und Invarianten „gelangen“ nicht als Veränderungen und Invarianten in die Psyche. Bedeutsamkeit ist nicht als fertige Eigenschaft in den Objekten enthalten. Auch Information existiert für die Psyche nicht bereits fertig, sodass sie nur noch aufgenommen und gespeichert werden müsste.

All diese Arten von Inhalt müssen generiert werden.

Die Psyche spiegelt Wirklichkeit daher nicht einfach wider.

Sie erzeugt psychischen Inhalt in kausaler Interaktion mit der unabhängigen Wirklichkeit.

Das bedeutet nicht, dass die Psyche die unabhängige Wirklichkeit erzeugt.

Es bedeutet ebenso wenig, dass psychischer Inhalt beliebig wäre.

Die unabhängige Wirklichkeit begrenzt durch ihre kausalen Einwirkungen auf den Organismus den möglichen Inhalt der Psyche. Zwischen physischer Einwirkung und psychischem Inhalt besteht jedoch keine Identität.

Psychischer Inhalt gehört der Psyche an.

Die Umwelt als psychische Konstruktion

Daraus folgt eine ungewöhnliche, aber wichtige Schlussfolgerung.

Was im Modell Umwelt genannt wird, ist nicht einfach ein anderer Name für die unabhängige Wirklichkeit.

Die Umwelt ist die in der psychischen Wirklichkeit repräsentierte Umwelt des Subjekts.

Ihr Inhalt wird von den psychischen Funktionen generiert.

In diesem Sinne existiert die Umwelt als psychische Konstruktion.

Das Wort „Konstruktion“ bedeutet hier jedoch keine Erfindung.

Wenn ein Mensch ein fahrendes Auto sieht, existiert das Auto unabhängig von seiner Psyche. Licht wirkt physisch auf die Sinnesorgane ein, und im Nervensystem finden bestimmte Prozesse statt. Die Bewegung des Autos als psychischer Inhalt muss jedoch wahrgenommen, also von der Funktion der Wahrnehmung von Veränderungen generiert werden.

Wenn der Mensch das Objekt als Auto erkennt, seine stabilen Eigenschaften erfasst und es von anderen Objekten unterscheidet, ist die Wahrnehmung von Invarianten beteiligt.

Wenn sich das Auto dem Menschen nähert, stellt sich die Frage nach der Bedeutsamkeit des Geschehens für das Subjekt.

Wenn Wissen über die Bewegung des Autos einem anderen Menschen mitgeteilt, in eine Beschreibung der Verkehrssituation aufgenommen, für eine Berechnung verwendet oder in eine Handlung umgesetzt werden soll, entsteht eine andere Dimension der Bedeutsamkeit – die Bedeutsamkeit für das Nicht-Subjekt.

Derselbe kausal relevante Ausschnitt der unabhängigen Wirklichkeit kann somit zum Inhalt verschiedener Funktionen werden.

Dieser Inhalt gehört jedoch bereits der Psyche an.

Aus solchem Inhalt wird die Umwelt der psychischen Wirklichkeit aufgebaut.

Warum die Umwelt dem Subjekt gegenübersteht

Man kann fragen, weshalb überhaupt von der Dichotomie „Subjekt – Umwelt“ gesprochen werden muss. Warum sollte das Subjekt nicht einfach als ein weiteres Element des Umweltmodells betrachtet werden?

Weil das Subjekt in der Struktur der psychischen Wirklichkeit eine besondere Stellung einnimmt.

Die Umwelt ist alles, was dem Subjekt als Nicht-Subjekt gegeben ist.

Das Subjekt hingegen ist der Pol, relativ zu dem sich „Bedeutsamkeit für das Subjekt“ bestimmen lässt.

Diese Asymmetrie zeigt sich besonders deutlich in den rationalen Funktionen.

Wenn es Bedeutsamkeit für das Subjekt gibt, muss es einen Pol geben, relativ zu dem diese Bedeutsamkeit bestimmt wird.

Wenn es Bedeutsamkeit für das Nicht-Subjekt gibt, muss ein Gegensatz zwischen dem Subjekt und dem bestehen, was nicht Subjekt ist.

Der Gegensatz zwischen F und T setzt daher einen fundamentaleren Gegensatz voraus:

Subjekt ↔ Nicht-Subjekt.

In der psychischen Wirklichkeit wird das Nicht-Subjekt durch die Umwelt repräsentiert.

Die Dichotomie der rationalen Funktionen ist daher gegenüber der fundamentalen Struktur der psychischen Wirklichkeit abgeleitet.

F und T erzeugen nicht Subjekt und Umwelt.

Sie generieren zwei verschiedene Arten von Bedeutsamkeit innerhalb einer psychischen Wirklichkeit, die bereits durch die Unterscheidung zwischen Subjekt und Umwelt strukturiert ist.

Das Subjekt ist nicht der Besitzer der Psyche

Es ist sehr leicht, sich das Verhältnis zwischen Subjekt und Psyche nach dem Muster des Besitzes vorzustellen:

Ein Mensch „hat“ eine Psyche, und in ihr befinden sich seine Gedanken, Gefühle, Wahrnehmungen und Erinnerungen.

Doch eine solche Vorstellung erklärt wenig.

Im Modell ist das Subjekt nicht der Besitzer der Psyche und steuert sie nicht wie einen Apparat.

Die psychischen Funktionen sind keine Werkzeuge in den Händen des Subjekts.

Das Subjekt entscheidet nicht unmittelbar darüber, welchen Inhalt eine bestimmte Funktion in einem bestimmten Moment generieren soll.

Darüber hinaus entsteht ein erheblicher Teil psychischen Inhalts unbewusst und ist dem Subjekt nicht unmittelbar gegeben.

Das bedeutet, dass das psychische System über eine eigene Struktur und eine eigene Dynamik verfügt.

Das Subjekt ist in diesem System nicht als Kommandozentrale vorhanden.

Seine strukturelle Rolle ist eine andere.

Es ist einer der beiden fundamentalen Pole der psychischen Wirklichkeit.

Gerade deshalb ist bewusster Inhalt möglich: Inhalt, der dem Subjekt gegeben ist.

Gerade deshalb ist die Funktion F möglich: die Generierung von Bedeutsamkeit für das Subjekt.

Daraus folgt jedoch nicht, dass das Subjekt die Psyche als Ganzes steuert.

Die Psyche als verteiltes System

Dieses Verständnis führt zur Vorstellung der Psyche als verteiltem System.

Es ist nicht notwendig, ein einziges inneres Zentrum anzunehmen, das die Ergebnisse aller Funktionen empfängt, sie miteinander vergleicht und anschließend eine endgültige Entscheidung trifft.

Verschiedene Funktionen generieren verschiedene Arten von Inhalt.

Sie nehmen unterschiedliche Positionen innerhalb der Struktur von Bewusstsein und Unbewusstem ein.

Sie können auf unterschiedliche Weise miteinander verbunden sein.

Einige Verbindungen können bewusst, andere unbewusst sein.

Dabei wird keine Funktion zur absoluten Steuerungsinstanz des gesamten Systems.

Auch die Hauptfunktion ist nicht der „Direktor der Psyche“.

Sie nimmt innerhalb der Struktur eines psychologischen Typs eine bestimmte Position ein, doch diese Position bedeutet nicht, dass sie die übrigen Funktionen kontrolliert.

Die Einheit der psychischen Wirklichkeit kann daher nicht durch die Existenz eines einzigen psychischen Steuerungszentrums erklärt werden.

Das Modell benötigt ein solches Zentrum nicht.

Die Einheit entsteht auf einer anderen Ebene.

Die psychische Wirklichkeit ist einheitlich, weil die Vielfalt psychischen Inhalts innerhalb einer einzigen fundamentalen Struktur existiert:

Subjekt ↔ Umwelt.

Einheit ohne Zentrum

Diese Unterscheidung ist besonders bedeutsam.

Wir neigen häufig dazu, die Einheit eines komplexen Systems durch das Vorhandensein eines Zentrums zu erklären.

Wenn es viele Elemente gibt, scheint es naheliegend, eine Instanz anzunehmen, die sie vereinigt.

Verteilte Systeme zeigen jedoch, dass die Einheit des Funktionierens nicht notwendigerweise ein einziges zentrales Steuerelement voraussetzt.

Etwas Ähnliches geschieht im vorgeschlagenen Modell.

Die Psyche ist vielfältig, die psychische Wirklichkeit jedoch einheitlich.

Das Subjekt ist atomar, aber es ist nicht der Zentralprozessor der Psyche.

Die psychischen Funktionen sind verschieden, aber sie erzeugen keine getrennten Welten.

Bewusstsein und Unbewusstes sind verschieden, bilden aber keine zwei unabhängigen psychischen Wirklichkeiten.

Extravertierte und introvertierte Einstellungen sind verschieden, gehören jedoch ebenfalls einer Psyche an.

Einheit bedeutet hier weder Homogenität noch Zentralisierung.

Sie besteht in der Zugehörigkeit vielfältigen Inhalts zu einer einzigen Struktur der psychischen Wirklichkeit.

Wirklichkeit, Psyche und psychische Wirklichkeit

Nun lassen sich die Grenzen zwischen den grundlegenden Begriffen erneut ziehen.

Die unabhängige Wirklichkeit existiert unabhängig von Psyche und Subjekt.

Der Organismus gehört zur unabhängigen Wirklichkeit und steht mit ihr in kausaler Wechselwirkung.

Die Psyche ist ein System, das psychischen Inhalt generiert.

Psychologische Funktionen sind verschiedene Arten der Generierung dieses Inhalts.

Das Modell der Umwelt wird durch den von der Psyche generierten Inhalt gebildet.

Das Subjekt ist der atomare Pol der psychischen Wirklichkeit.

Die psychische Wirklichkeit ist eine einheitliche Struktur, deren fundamentale Dichotomie im Gegensatz zwischen Subjekt und Umwelt besteht.

Diese Begriffe lassen sich nicht ohne Bedeutungsverlust gegeneinander austauschen.

Die unabhängige Wirklichkeit ist nicht die Umwelt der psychischen Wirklichkeit.

Die Psyche ist nicht die psychische Wirklichkeit.

Die Psyche ist nicht das Subjekt.

Das Subjekt ist nicht das Bewusstsein.

Psychischer Inhalt ist nicht die unabhängige Wirklichkeit.

Zwischen all diesen Ebenen bestehen jedoch Beziehungen.

Ihre Unterscheidung ermöglicht es, sowohl einen naiven Realismus als auch die Vorstellung von der Psyche als vollständig abgeschlossener subjektiver Welt zu vermeiden.

Zwei Wirklichkeiten?

Der Ausdruck „psychische Wirklichkeit“ kann den Eindruck erwecken, es sei von zwei parallelen Welten die Rede: einer äußeren und einer inneren.

Eine solche Annahme ist für das Modell jedoch nicht erforderlich.

Unabhängige Wirklichkeit und psychische Wirklichkeit besitzen unterschiedlichen Status.

Die unabhängige Wirklichkeit ist das, was unabhängig von der Psyche existiert.

Die psychische Wirklichkeit ist die Struktur, innerhalb derer psychischer Inhalt in Relation zum Subjekt existiert.

Es handelt sich nicht um zwei voneinander unabhängige Universen.

Psychische Wirklichkeit entsteht in der kausalen Interaktion des Organismus mit der unabhängigen Wirklichkeit.

Die kausale Abhängigkeit hebt die Unterscheidung zwischen beiden jedoch nicht auf.

Man könnte diese Unterscheidung mit dem Verhältnis zwischen Karte und Gebiet vergleichen, obwohl auch diese Metapher nur begrenzt trägt.

Eine Karte entsteht in Abhängigkeit von einem Gebiet, ist aber nicht das Gebiet.

Die psychische Wirklichkeit ist jedoch komplexer als eine Karte: Sie stellt nicht nur dar, was bereits existiert. In ihr entstehen Prognosen, Bedeutsamkeiten, mögliche Handlungen, Beziehungen und Formen von Bedeutsamkeit, die in der unabhängigen Wirklichkeit nicht als fertige psychische Objekte vorgefunden werden können.

Psychische Wirklichkeit ist daher keine Kopie, sondern eine generierte Struktur der Beziehung zwischen Subjekt und Umwelt.

Bedeutsamkeit existiert nicht ohne Beziehung

Besonders deutlich zeigt sich der generative Charakter der Psyche bei den rationalen Funktionen.

Ein Gegenstand enthält nicht in sich selbst eine fertige Bedeutsamkeit für das Subjekt.

Derselbe Gegenstand kann für ein Subjekt lebenswichtig, für ein anderes gleichgültig und für ein drittes gefährlich sein.

Bedeutsamkeit entsteht in einer Beziehung.

Die Funktion F generiert die Bedeutsamkeit von Wissen in Relation zum Subjekt.

Aber auch die Bedeutsamkeit für das Nicht-Subjekt ist nicht als physische Eigenschaft im Objekt enthalten.

Damit Wissen eine Bedeutsamkeit erhält, die über das jeweilige Subjekt hinausgeht, muss es so organisiert werden, dass es außerhalb dieses Subjekts verwendbar wird: für Mitteilung, gemeinsames Handeln, Schlussfolgern, Regeln, Messung, Beschreibung oder eine andere Form der Nutzung.

Hier entsteht die Informationsdimension von T.

Die rationalen Funktionen finden fertige Bedeutsamkeit daher nicht vor.

Sie generieren sie.

In dieser Hinsicht sind F und T ebenso generativ wie S und N.

Psychisches Leben als kontinuierliches Schaffen

Daraus ergibt sich eine allgemeinere Sicht auf das psychische Leben.

Wenn die Psyche keinen fertigen Inhalt empfängt, ist das gesamte psychische Leben in einem fundamentalen Sinn ein Prozess kontinuierlichen Schaffens.

Damit ist nicht künstlerisches Schaffen gemeint.

Es geht um einen allgemeineren Prozess.

Ein bekanntes Gesicht wiederzuerkennen heißt bereits, eine Invariante zu generieren.

Eine Veränderung im Ausdruck dieses Gesichts zu bemerken heißt, eine Veränderung zu generieren.

Zu fühlen, dass diese Veränderung für mich wichtig ist, heißt, Bedeutsamkeit für das Subjekt zu generieren.

Zu verstehen, dass diese Veränderung auch für andere wichtig ist oder ihnen mitgeteilt werden sollte, heißt, Bedeutsamkeit für das Nicht-Subjekt zu generieren.

Selbst die alltäglichste Wahrnehmung ist kein passiver Empfang der Welt.

Die Psyche generiert fortwährend den Inhalt, durch den für das Subjekt eine Umwelt existiert.

In diesem Sinne entsteht psychische Wirklichkeit fortwährend.

Die Offenheit der psychischen Wirklichkeit

Psychische Wirklichkeit ist nicht abgeschlossen.

Erstens ist sie kausal mit der unabhängigen Wirklichkeit verbunden.

Zweitens ist sie zur Zukunft hin offen.

Drittens ermöglicht die Funktion T, dass individuell generiertes Wissen die Form von Information annimmt, die in Beziehungen zwischen Menschen eingehen kann.

Wissen kann in Sprache, Schrift, Diagrammen, Zeichen, Zahlen, Gesten oder anderen Formen ausgedrückt werden.

Sobald es ausgedrückt wird, wird es zu einem kausalen Faktor innerhalb der unabhängigen Wirklichkeit: Eine Äußerung ist ein physisches Ereignis, ein geschriebener Text ein materieller Gegenstand, eine Handlung verändert die Umwelt.

Diese veränderte Welt kann wiederum auf andere Menschen einwirken, deren Psychen neuen Inhalt generieren.

Es entsteht ein Zyklus:

unabhängige Wirklichkeit → psychischer Inhalt → Handlung oder Mitteilung → Veränderung der unabhängigen Wirklichkeit → neuer psychischer Inhalt.

Die Grenze zwischen unabhängiger und psychischer Wirklichkeit bedeutet daher keine Isolation.

Im Gegenteil: Zwischen beiden findet kontinuierliche kausale Wechselwirkung statt.

Das Subjekt und andere Subjekte

An diesem Punkt stellt sich eine weitere interessante Frage.

Ein anderer Mensch gehört ebenso zur unabhängigen Wirklichkeit wie der Körper des Subjekts, ein Baum oder ein Haus.

Innerhalb der psychischen Wirklichkeit ist dieser Mensch jedoch zunächst als Teil der Umwelt gegeben – als Nicht-Subjekt.

Zugleich kann er als anderes Subjekt erkannt werden.

Diese Unterscheidung ist besonders wichtig für die menschliche Kommunikation.

Ein anderer Mensch wird nicht zu einem Teil meines Subjekts.

Für mich bleibt er ein Element der Umwelt.

Ich kann jedoch Wissen darüber generieren, dass der Mensch vor mir ein anderes Subjekt mit einer eigenen psychischen Wirklichkeit ist.

Hier wird eine grundsätzlich neue Beziehung möglich: Der Inhalt meiner Psyche kann in Information verwandelt werden, die für ein anderes Subjekt bedeutsam ist.

Sprache, Schrift, Gestik, Zeichen, Kunst, Ritual und viele weitere Formen menschlicher Interaktion werden zu Möglichkeiten, die unabhängige Wirklichkeit so zu verändern, dass die Psyche eines anderen Menschen bestimmten Inhalt generieren kann.

Psychischer Inhalt wird nicht unmittelbar von einer Psyche auf eine andere übertragen.

Übertragen werden physische Signale.

Der Inhalt wird jedes Mal neu generiert.

Diese These hat weitreichende Konsequenzen für das Verständnis von Kommunikation.

Information überträgt keinen psychischen Inhalt

Wenn ein Mensch einem anderen etwas mitteilt, erscheint es selbstverständlich zu sagen, er habe „einen Gedanken übertragen“ oder „Information übertragen“.

Wörtlich genommen verlässt psychischer Inhalt jedoch nicht eine Psyche, um in eine andere einzutreten.

Der Sprecher generiert einen bestimmten Inhalt.

Anschließend vollzieht er einen Sprechakt – ein physisches Ereignis in der unabhängigen Wirklichkeit.

Ein anderer Mensch nimmt Laute oder Schriftzeichen wahr.

Auf der Grundlage dieser Einwirkungen generiert dessen Psyche eigenen Inhalt.

Ist die Kommunikation erfolgreich, entsteht eine hinreichende Entsprechung zwischen den Inhalten der beiden Psychen.

Entsprechung ist jedoch nicht Identität.

Verstehen enthält daher immer ein Moment der Generierung.

Ein Mensch entnimmt einer Mitteilung keinen fertigen Sinn.

Er generiert psychischen Inhalt, für den die Mitteilung eine kausale Bedingung darstellt.

Gerade deshalb kann dieselbe Äußerung von verschiedenen Menschen unterschiedlich verstanden werden.

Psychische Wirklichkeit als Beziehung

Nun lässt sich noch eine weitere Präzisierung vornehmen.

Psychische Wirklichkeit lässt sich vermutlich besser nicht als eine besondere Art von „Raum“ verstehen, der mit psychischen Objekten gefüllt ist, sondern als Struktur von Beziehungen.

Ihre fundamentale Beziehung ist:

Subjekt ↔ Umwelt.

Innerhalb dieser Struktur entsteht Wissen über Invarianten und Veränderungen.

Innerhalb dieser Struktur entsteht die Bedeutsamkeit des Wissens für das Subjekt und für das Nicht-Subjekt.

Innerhalb dieser Struktur sind bewusste und unbewusste Inhalte möglich.

Die psychische Wirklichkeit selbst lässt sich jedoch nicht auf die Summe dieser Inhalte reduzieren.

Sie ist die Struktur, innerhalb derer diese ihren Ort und ihre Bedeutsamkeit erhalten.

Der Ausdruck „psychische Wirklichkeit“ bezeichnet daher nicht noch ein weiteres Ding neben Subjekt und Psyche.

Er bezeichnet die Form ihrer strukturellen Beziehung.

Die Einheit der psychischen Wirklichkeit und die Vielheit der Psyche

Nun lässt sich der scheinbare Widerspruch zwischen Einheit und Vielheit auflösen.

Die Psyche ist vielfältig, weil Inhalt von verschiedenen Funktionen generiert und nach mehreren voneinander unabhängigen Dimensionen organisiert wird.

Das Subjekt ist atomar, weil es innerhalb der fundamentalen Dichotomie der psychischen Wirklichkeit als ein einheitlicher Pol repräsentiert wird.

Die psychische Wirklichkeit ist einheitlich, weil die Vielfalt psychischen Inhalts in Relation zu derselben fundamentalen Unterscheidung zwischen Subjekt und Umwelt existiert.

Daraus folgt:

Die Einheit der psychischen Wirklichkeit ist nicht die Einheit der Psyche.

Die Psyche muss nicht homogen sein, damit die psychische Wirklichkeit einheitlich ist.

Ebenso muss das Subjekt nicht die gesamte Psyche steuern, damit die psychische Wirklichkeit ihre Einheit behält.

Diese Einheit entsteht nicht durch Zentralisierung, sondern durch Struktur.

Subjekt, Psyche und Umwelt

Die Beziehungen zwischen den grundlegenden Elementen des Modells lassen sich nun folgendermaßen ausdrücken.

Die unabhängige Wirklichkeit existiert unabhängig von der Psyche.

Der Organismus gehört zur unabhängigen Wirklichkeit und interagiert mit ihr.

Als Ergebnis dieser Interaktion generiert die Psyche Inhalt.

Der Inhalt der Wahrnehmungsfunktionen bildet Wissen über die Umwelt als Pol der psychischen Wirklichkeit.

Die rationalen Funktionen generieren die Bedeutsamkeit dieses Wissens.

Das Subjekt ist der atomare Pol, der der Umwelt gegenübersteht.

Bewusster Inhalt ist dem Subjekt gegeben; unbewusster Inhalt ist ihm nicht unmittelbar gegeben.

Damit lassen sich weder Psyche noch Subjekt noch Umwelt aufeinander reduzieren.

Erst ihre Unterscheidung ermöglicht es, psychische Wirklichkeit zu bestimmen.

Schluss

Im vorgeschlagenen Modell ist die Psyche weder eine Widerspiegelung der äußeren Welt noch ein innerer Raum, der mit fertigen psychischen Objekten bevölkert ist.

Sie ist ein System zur Generierung von Inhalt.

Die unabhängige Wirklichkeit wirkt kausal auf den Organismus ein, doch psychischer Inhalt entsteht in der Psyche.

Die Funktionen S und N generieren Wissen über Invarianten und Veränderungen.

Die Funktionen F und T generieren die Bedeutsamkeit dieses Wissens – für das Subjekt und für das Nicht-Subjekt.

Der generierte Inhalt bildet das Modell der Umwelt.

Das Subjekt ist weder die Psyche noch eine Funktion noch ein Steuerungszentrum des Bewusstseins. Es ist der atomare Pol der psychischen Wirklichkeit.

Die Umwelt ist der entgegengesetzte Pol und wird durch den von der Psyche generierten Inhalt repräsentiert.

Psychische Wirklichkeit kann daher nicht einfach als Gesamtheit psychischer Inhalte definiert werden.

Ihre fundamentale Struktur ist die Dichotomie:

Subjekt ↔ Umwelt.

Diese Struktur ermöglicht es, drei Aussagen miteinander zu verbinden, die auf den ersten Blick widersprüchlich erscheinen können:

Das Subjekt ist atomar.

Die Psyche ist vielfältig.

Die psychische Wirklichkeit ist einheitlich.

Gerade die Unterscheidung dieser drei Ebenen erlaubt es, sowohl die Vorstellung von der Psyche als Spiegel der äußeren Welt als auch die Vorstellung eines einheitlichen inneren Subjekts aufzugeben, das die psychischen Prozesse steuert.

Die Psyche kopiert keine fertige Wirklichkeit.

Sie generiert Inhalt in kausaler Interaktion mit der unabhängigen Wirklichkeit.

Das Subjekt erzeugt nicht die Einheit der Psyche.

Es ist einer der Pole der psychischen Wirklichkeit.

Und psychische Wirklichkeit entsteht als einheitliche, zugleich aber innerlich mehrdimensionale Struktur, in der das atomare Subjekt der von der vielfältigen Psyche generierten Umwelt gegenübersteht.

In der knappsten Form lässt sich diese Konstruktion so ausdrücken:

Die unabhängige Wirklichkeit wirkt ein.
Die Psyche generiert.
Die Umwelt entsteht als psychischer Inhalt.
Subjekt und Umwelt bilden die psychische Wirklichkeit.

Und noch kürzer:

Das Subjekt ist atomar. Die Psyche ist vielfältig. Die psychische Wirklichkeit ist einheitlich.