Der Mensch ist Teil einer Wirklichkeit, die unabhängig von seiner Psyche existiert. Sein Organismus steht in ständiger Wechselwirkung mit dieser Wirklichkeit: Licht, Schall, Temperatur, chemische Stoffe, andere Organismen und zahlreiche Prozesse in seiner Umgebung wirken auf ihn ein. Umgekehrt handelt der Mensch und verändert dadurch selbst das Geschehen in der unabhängigen Wirklichkeit.
Aus der Tatsache, dass die unabhängige Wirklichkeit auf den Organismus einwirkt, folgt jedoch noch nicht, dass sie der Psyche fertiges Wissen über sich selbst übermittelt.
Diese Unterscheidung ist ein Ausgangspunkt des vorgeschlagenen Modells.
Die unabhängige Wirklichkeit wirkt auf den Organismus ein, aber psychische Inhalte werden nicht aus der unabhängigen Wirklichkeit in die Psyche übertragen. Die Psyche generiert ihre Inhalte selbst.
Um dieses Verhältnis zu verstehen, müssen mehrere Begriffe voneinander unterschieden werden: unabhängige Wirklichkeit, Psyche, psychischer Inhalt, Umwelt, Subjekt und psychische Wirklichkeit.
Die unabhängige Wirklichkeit
Unter unabhängiger Wirklichkeit wird hier die Wirklichkeit verstanden, deren Existenz weder von der Existenz der Psyche noch von den Inhalten abhängt, die von der Psyche generiert werden.
Der menschliche Organismus ist Teil dieser Wirklichkeit.
Das ist wesentlich. Im vorgeschlagenen Modell existiert der Mensch nicht in einer abgeschlossenen psychischen Welt. Der Organismus gehört derselben unabhängigen Wirklichkeit an wie andere physische Objekte und Prozesse und steht mit ihr in kontinuierlicher kausaler Wechselwirkung.
Die unabhängige Wirklichkeit wirkt auf den Organismus ein.
Einwirkung und Übertragung von Inhalten sind jedoch nicht dasselbe.
Licht, das auf das Auge trifft, Schallwellen, die auf das Hörsystem einwirken, sowie mechanische, chemische und andere Einwirkungen sind physikalische Prozesse. Sie können mit der Entstehung psychischer Inhalte verbunden sein, sind aber selbst noch kein Wissen.
Wissen entsteht in der Psyche.
Die Psyche erhält kein fertiges Wissen
Wahrnehmung lässt sich leicht mit der Metapher einer Abbildung beschreiben: Die Außenwelt wirkt auf die Sinnesorgane ein, woraufhin in der Psyche eine innere Abbildung dieser Welt entsteht.
Eine solche Metapher lässt jedoch die entscheidende Frage unbeantwortet: Woher kommt der psychische Inhalt?
Wenn Wissen bereits in fertiger Form in der Einwirkung enthalten wäre, müsste die Psyche es lediglich aufnehmen, weiterleiten, erkennen oder verarbeiten. Im vorgeschlagenen Modell wird etwas anderes angenommen.
Die Einwirkung der unabhängigen Wirklichkeit auf den Organismus enthält keinen fertigen psychischen Inhalt.
Zwischen der Einwirkung und dem entstehenden Wissen besteht ein Zusammenhang, aber dieser Zusammenhang ist keine Übertragung von Inhalten.
Die Psyche generiert Wissen selbst.
Deshalb kann die Psyche weder als Spiegel der Wirklichkeit noch als ein System verstanden werden, das von außen kommende fertige Inhalte verarbeitet.
Die Psyche als Prozess der Generierung
Die Psyche ist ein Prozess der Generierung psychischer Inhalte.
Psychische Inhalte werden von vier psychischen Funktionen in zwei Einstellungen generiert.
Die irrationalen Funktionen — Wahrnehmung von Invarianten (S) und Wahrnehmung von Veränderungen (N) — generieren Wissen.
Die rationalen Funktionen — Fühlen (F) und Denken (T) — generieren die Bedeutsamkeit dieses Wissens.
Psychische Inhalte umfassen somit zwei grundlegende Arten von Inhalten:
Wissen und Bedeutsamkeit des Wissens.
Diese Inhalte gelangen nicht in fertiger Form aus der unabhängigen Wirklichkeit in die Psyche. Sie entstehen im psychischen Prozess.
Wie die Umwelt entsteht
An dieser Stelle muss zwischen unabhängiger Wirklichkeit und Umwelt unterschieden werden.
Im alltäglichen Sprachgebrauch können diese Ausdrücke nahezu synonym verwendet werden. Im vorgeschlagenen Modell bezeichnen sie unterschiedliche Begriffe.
Die unabhängige Wirklichkeit existiert unabhängig von der Psyche.
Die Umwelt ist ein Modell der Umwelt, das durch das von den irrationalen Funktionen generierte Wissen gebildet wird.
Die Umwelt innerhalb der psychischen Wirklichkeit ist daher nicht mit der unabhängigen Wirklichkeit selbst identisch.
Die Psyche überträgt die unabhängige Wirklichkeit nicht in sich selbst und erzeugt auch keine Kopie von ihr. Sie generiert Wissen, und aus diesem Wissen bildet sich ein Modell der Umwelt.
Dieses Modell wird im Folgenden als Umwelt bezeichnet, wenn von der psychischen Wirklichkeit die Rede ist.
Diese terminologische Unterscheidung ist notwendig, weil die unabhängige Wirklichkeit und die Umwelt im Modell völlig unterschiedliche Rollen spielen.
Die unabhängige Wirklichkeit wirkt auf den Organismus ein.
Die Umwelt dagegen ist ein Pol der psychischen Wirklichkeit.
Die irrationalen Funktionen und das Modell der Umwelt
Die irrationalen Funktionen generieren zwei gegensätzliche Arten von Wissen.
Die Wahrnehmung von Invarianten (S) generiert Wissen über das, was während eines bestimmten Zeitintervalls unverändert bleibt.
Die Wahrnehmung von Veränderungen (N) generiert Wissen über Veränderungen von Objekten und Prozessen während eines bestimmten Zeitintervalls.
S und N bilden eine Dichotomie. Sie entstehen gleichzeitig als gegensätzliche und einander ergänzende Funktionen.
Auch ihre Inhalte sind gegensätzlich:
Invarianten — Veränderungen.
Gemeinsam bilden diese beiden Arten von Inhalten die Vollständigkeit des Wissens, aus dem das Modell der Umwelt aufgebaut wird.
Die Funktionen entdecken dabei keine fertigen Invarianten und Veränderungen in der unabhängigen Wirklichkeit und entnehmen sie ihr auch nicht. Invarianten und Veränderungen sind psychische Inhalte, die von den entsprechenden Funktionen generiert werden.
Die Umwelt verändert sich mit dem Wissen
Das Modell der Umwelt entsteht nicht ein für alle Mal in endgültiger Form.
Die Psyche generiert fortlaufend neues Wissen. Dadurch kann sich die Umwelt als Modell erweitern und komplexer werden.
Der Mensch gewinnt Wissen über neue Objekte, Prozesse, Ereignisse und Beziehungen. Das neu entstehende Wissen wird Bestandteil des Modells der Umwelt.
Die Erweiterung der Umwelt bedeutet dabei nicht, dass sich die unabhängige Wirklichkeit erweitert. Die unabhängige Wirklichkeit wird nicht größer, weil ein Mensch neues Wissen erworben hat.
Was sich erweitert, ist das Modell der Umwelt.
Deshalb stimmt die Umwelt der psychischen Wirklichkeit eines bestimmten Menschen weder mit der unabhängigen Wirklichkeit überein noch erschöpft sie diese.
Die Entstehung von Subjekt und Umwelt als Dichotomie
Das Modell der Umwelt existiert innerhalb der psychischen Wirklichkeit jedoch nicht für sich allein.
Gleichzeitig mit der Umwelt entsteht ihr entgegengesetzter Pol — das Subjekt.
Das Subjekt entsteht nicht zunächst unabhängig von der Umwelt, um erst später in eine Beziehung zu ihr zu treten. Ebenso wenig existiert zunächst allein die Umwelt, zu der später ein Subjekt hinzukommt.
Beide entstehen gleichzeitig als zwei Pole einer Dichotomie:
Subjekt ↔ Umwelt.
Subjekt und Umwelt sind zwei gegensätzliche und einander ergänzende Pole der psychischen Wirklichkeit. Das Subjekt ist atomar; die Umwelt ist derjenige Pol der psychischen Wirklichkeit, dessen Modell durch das von den irrationalen Funktionen generierte Wissen gebildet wird.
Gemeinsam bilden Subjekt und Umwelt die Vollständigkeit der psychischen Wirklichkeit.
Somit gilt:
Subjekt + Umwelt = psychische Wirklichkeit.
Die psychische Wirklichkeit ist keine weitere Art psychischen Inhalts. Psychischer Inhalt ist der Inhalt der psychischen Funktionen: Wissen und Bedeutsamkeit.
Die psychische Wirklichkeit ist vielmehr eine Struktur, die im Prozess der Generierung dieses Inhalts entsteht.
Was die Atomarität des Subjekts bedeutet
Das Subjekt wird im vorgeschlagenen Modell nicht als Gesamtheit psychischer Inhalte verstanden.
Wir sprechen vom Inhalt der Psyche, vom Inhalt des Bewusstseins und des Unbewussten sowie vom Inhalt der psychischen Funktionen, nicht jedoch von einem „Inhalt des Subjekts“.
Das Subjekt ist ein atomares Element des Modells.
Atomarität bedeutet hier weder die Existenz einer besonderen unteilbaren Substanz noch stellt sie eine metaphysische Aussage über die Natur des Menschen dar. Sie bedeutet lediglich, dass das Subjekt innerhalb dieses Modells nicht weiter in Bestandteile zerlegt wird.
Dabei existiert das Subjekt nicht unabhängig von der Umwelt.
Subjekt und Umwelt sind die beiden Pole einer Dichotomie und entstehen nur gemeinsam.
Die rationalen Funktionen und die Bedeutsamkeit des Wissens
Mit der Entstehung von Wissen und dem Modell der Umwelt ist der psychische Prozess noch nicht abgeschlossen.
Das Wissen erhält Bedeutsamkeit.
Die Bedeutsamkeit wird von den rationalen Funktionen — Fühlen und Denken — generiert.
Fühlen (F) generiert die Bedeutsamkeit des Wissens für das Subjekt.
Denken (T) generiert die Bedeutsamkeit des Wissens für das Nicht-Subjekt.
Auch diese Funktionen bilden eine Dichotomie.
Das Subjekt ist somit kein „Träger psychischer Inhalte“ und enthält auch nicht den Inhalt des Fühlens in sich. Es ist derjenige Pol der psychischen Wirklichkeit, in Bezug auf den das Fühlen die Bedeutsamkeit des Wissens generiert.
Das Denken generiert die entgegengesetzte Art von Bedeutsamkeit — die Bedeutsamkeit für das, was nicht Subjekt ist.
Gemeinsam bilden diese beiden Arten von Bedeutsamkeit die Vollständigkeit der Bedeutsamkeit des Wissens.
Vom Wissen zum Handeln
Die Generierung von Bedeutsamkeit ist für das Handeln von grundlegender Bedeutung.
Das Wissen gibt Auskunft darüber, wie die Umwelt beschaffen ist und wie sie sich verändern kann. Die Bedeutsamkeit verbindet dieses Wissen mit dem nachfolgenden Handeln.
Der psychische Prozess endet daher nicht mit der Konstruktion eines inneren Modells der Welt.
Die generierte Bedeutsamkeit steht mit den Handlungen des Subjekts in Zusammenhang.
Hier findet ein entscheidender Übergang statt: Das Subjekt handelt nicht auf das Modell der Umwelt ein, sondern in der unabhängigen Wirklichkeit.
Der Mensch steht auf und geht, nimmt einen Gegenstand, spricht mit einem anderen Menschen, baut ein Haus, schreibt einen Text, ändert seinen Weg, zieht eine Pflanze heran oder schaltet ein Gerät ein. All diese Handlungen werden durch den Organismus ausgeführt und werden zu Ereignissen der unabhängigen Wirklichkeit.
Der psychische Prozess findet damit eine Fortsetzung außerhalb der Psyche.
Das Schließen des Kreises: zurück zur unabhängigen Wirklichkeit
Nun lässt sich der gesamte Prozess als Zusammenhang betrachten.
Die unabhängige Wirklichkeit wirkt auf den Organismus ein.
Im Zusammenhang mit diesen Einwirkungen generiert die Psyche Wissen.
Das von den irrationalen Funktionen generierte Wissen bildet ein Modell der Umwelt.
Gleichzeitig mit der Umwelt existiert ihr entgegengesetzter Pol — das Subjekt; gemeinsam bilden sie die psychische Wirklichkeit.
Die rationalen Funktionen generieren die Bedeutsamkeit des Wissens.
Die Bedeutsamkeit steht mit den nachfolgenden Handlungen des Subjekts in Zusammenhang.
Die Handlungen des Subjekts werden durch den Organismus in der unabhängigen Wirklichkeit ausgeführt und werden zu einem Teil der in ihr ablaufenden Prozesse.
Damit schließt sich der Kreis:
unabhängige Wirklichkeit → Einwirkung auf den Organismus → Generierung von Wissen → Modell der Umwelt → Generierung von Bedeutsamkeit → Handlung des Subjekts → unabhängige Wirklichkeit.
Das Schließen dieses Kreises ist von grundlegender Bedeutung.
Es verhindert, dass sich das Modell in die Vorstellung einer abgeschlossenen „inneren Welt“ verwandelt, die unabhängig von der äußeren Wirklichkeit existiert.
Die kausale Verbindung mit der unabhängigen Wirklichkeit bleibt in beiden Richtungen erhalten.
Die unabhängige Wirklichkeit wirkt auf den Organismus ein, und das Subjekt handelt durch den Organismus in der unabhängigen Wirklichkeit.
Dabei muss in keiner der beiden Richtungen eine Übertragung fertiger psychischer Inhalte angenommen werden.
Aus der unabhängigen Wirklichkeit wird kein fertiges Wissen in die Psyche übertragen.
Aus der Psyche wird kein psychischer Inhalt in die unabhängige Wirklichkeit übertragen — das Subjekt handelt durch den Organismus.
Die Verbindung ist kausal, aber sie besteht nicht in einer Übertragung von Inhalten.
Die psychische Wirklichkeit ist keine eigenständige Entität
Dieses Verständnis macht es unnötig, die psychische Wirklichkeit als eine eigenständige Entität einzuführen, die neben der Psyche und der unabhängigen Wirklichkeit existiert.
Die psychische Wirklichkeit ist weder eine besondere Substanz noch ein selbstständiges „psychologisches Feld“.
Sie ist eine Struktur, die im psychischen Prozess entsteht:
Subjekt ↔ Umwelt.
Die psychische Wirklichkeit kann daher mit bestimmten Vorstellungen eines psychologischen Feldes verglichen werden, die in der Geschichte der Psychologie entwickelt wurden. Ein solcher Vergleich erfordert jedoch nicht die Annahme eines eigenständigen Feldes als selbstständig handelnder Wirklichkeit.
Die psychische Wirklichkeit „tut“ nichts. Sie wirkt nicht auf den Menschen ein, trifft keine Entscheidungen, bestraft und belohnt nicht.
Das Subjekt handelt.
Die Psyche generiert Inhalte.
Die unabhängige Wirklichkeit wirkt auf den Organismus ein.
Diese Begriffe beschreiben unterschiedliche Elemente und Beziehungen eines Systems und dürfen nicht miteinander verwechselt werden.
Es entstehen keine zwei Welten
Die Unterscheidung zwischen unabhängiger und psychischer Wirklichkeit könnte den Eindruck erwecken, das Modell führe zwei parallele Welten ein: eine äußere und eine innere.
Gerade das Schließen des kausalen Kreises zeigt jedoch, dass dies nicht der Fall ist.
Der Organismus gehört zur unabhängigen Wirklichkeit.
Die Einwirkungen der unabhängigen Wirklichkeit auf den Organismus stehen mit dem psychischen Prozess in Zusammenhang.
Der psychische Prozess generiert Wissen und Bedeutsamkeit.
Die Bedeutsamkeit steht mit den Handlungen des Subjekts in Zusammenhang.
Diese Handlungen werden durch den Organismus in derselben unabhängigen Wirklichkeit ausgeführt, deren Einwirkung am Anfang des Kreises stand.
Die psychische Wirklichkeit ersetzt daher die unabhängige Wirklichkeit nicht und trennt den Menschen auch nicht von ihr.
Sie entsteht im Prozess der Wechselwirkung des Organismus mit der unabhängigen Wirklichkeit und bildet die Struktur, in der Subjekt und Modell der Umwelt als zwei gegensätzliche Pole existieren.
Von der Einwirkung zum Wissen und von der Bedeutsamkeit zum Handeln
Die gesamte Konstruktion lässt sich auf zwei Richtungen des Zusammenhangs zurückführen.
Die erste Richtung:
unabhängige Wirklichkeit → Organismus → Psyche → Wissen → Modell der Umwelt.
Die unabhängige Wirklichkeit wirkt auf den Organismus ein, und die Psyche generiert Wissen. Fertige Inhalte werden dabei nicht übertragen.
Die zweite Richtung:
Wissen → Bedeutsamkeit → Subjekt → Handlung des Organismus → unabhängige Wirklichkeit.
Hier steht die generierte Bedeutsamkeit mit der Handlung des Subjekts in Zusammenhang, die durch den Organismus zu einem Ereignis der unabhängigen Wirklichkeit wird.
Die Psyche nimmt damit einen besonderen Platz in der kontinuierlichen Wechselwirkung des Menschen mit der Welt ein.
Sie bildet die Welt nicht einfach ab.
Sie erhält von ihr kein fertiges Wissen.
Sie existiert nicht in einem isolierten inneren Raum.
Die Psyche generiert Wissen und Bedeutsamkeit. Das Wissen bildet ein Modell der Umwelt. Subjekt und Umwelt bilden die psychische Wirklichkeit. Die Bedeutsamkeit verbindet das generierte Wissen mit den Handlungen des Subjekts, und diese Handlungen wirken in die unabhängige Wirklichkeit zurück.
Gerade dadurch ist das psychische Leben zugleich autonom in der Generierung seiner Inhalte und untrennbar mit der unabhängigen Wirklichkeit verbunden.