Weder Mutter noch Stiefmutter: Psychologische Grenzen und die Kompensation der Einstellung

Von Marina Komissarova und Carl Gustav Jung zu einem Modell der psychischen Wirklichkeit

Marina Komissarova ist eine russische Psychologin und Bloggerin, die ein eigenes Begriffssystem zur Beschreibung von Beziehungen, psychologischen Grenzen, Bindung und Persönlichkeitsentwicklung entwickelt hat. Ein großer Teil dieses Systems wird nicht in konventioneller wissenschaftlicher Terminologie, sondern mithilfe wiederkehrender Metaphern und Charaktertypen dargestellt.

Eine ihrer Klassifikationen verwendet vier literarische Namen: Onegin, Rapunzel, Petschorin und Aschenputtel. Stark vereinfacht neigen Onegin und Rapunzel dazu, mit Menschen, die ihnen gefallen, psychologisch zu verschmelzen, während Petschorin und Aschenputtel die Trennung aufrechterhalten, jedoch zu Distanz, Individualismus und Frustration neigen. Die Entwicklung über beide Probleme hinaus beschreibt Komissarova als Ausbildung zunehmend guter psychologischer Grenzen.

In ihrem Artikel „Stadien der Bildung von Grenzen“ fragt Komissarova, warum manche Menschen dazu neigen, mit Menschen, die ihnen gefallen, ihre Grenzen „zu verschmelzen“, während andere die Getrenntheit aufrechterhalten.

Ihre Antwort ist unerwartet:

„Weil sie von Menschen, die ihnen sympathisch sind, keinerlei Gefahr spüren. Überhaupt keine.“

Wenn ein Mensch Gefahr spürt, schreibt Komissarova, hält er Abstand. Wenn ihm ein anderer Mensch jedoch sympathisch ist und nicht gefährlich erscheint, beginnt er, ihn als „einen der Eigenen“ und anschließend als „Fortsetzung seiner selbst“ wahrzunehmen. Der Mensch verbindet sich und den anderen in seiner Vorstellung zu einem Ganzen und verhält sich zu ihm, als wäre der andere eine liebende Mutter und er selbst ein Säugling.

Das entgegengesetzte Muster beschreibt Komissarova anhand von Petschorins und Aschenputteln. Sie verstehen von Kindheit an, dass andere Menschen getrennt von ihnen existieren, dass selbst die Mutter ihnen „gegenübersteht“, dass jeder letztlich für sich selbst sorgt und der Mensch im Grunde allein ist.

Komissarova interpretiert diese Zustände als verschiedene Stadien der Bildung von Grenzen. Man kann sie jedoch anders interpretieren: als zwei unterschiedliche Formen der Einseitigkeit der Einstellung zum Objekt.

Eine solche Interpretation wird möglich, wenn man Komissarovas Konzept mit Carl Gustav Jungs Unterscheidung zwischen extravertierter und introvertierter Einstellung vergleicht und anschließend beide Einstellungen im Rahmen des hier vorgeschlagenen Modells der psychischen Wirklichkeit betrachtet.


Die Einstellung zum Objekt

Für Carl Gustav Jung sind Extraversion und Introversion nicht einfach Eigenschaften wie Geselligkeit oder Zurückhaltung. Sie sind zwei unterschiedliche Einstellungen der Psyche zum Objekt.

Im hier vorgeschlagenen Modell lässt sich dieser Unterschied folgendermaßen formulieren:

Bei einer extravertierten Einstellung generiert die Psyche Inhalte über die Umwelt unabhängig davon, ob diese für das Subjekt relevant sind.

Bei einer introvertierten Einstellung wählt die Psyche aus der Umwelt das aus, was für das Subjekt relevant ist. Von Merkmalen, die für das Subjekt nicht relevant sind, abstrahiert sie.

Dabei ist es wichtig, die Einstellung nicht mit der psychischen Funktion zu verwechseln.

Die Funktion bestimmt, welche Art von Inhalt generiert wird:

  • S – Wahrnehmung von Invarianten;
  • N – Wahrnehmung von Veränderungen;
  • F – Bedeutsamkeit für das Subjekt;
  • T – Bedeutsamkeit für das Nicht-Subjekt.

Die Einstellung bestimmt etwas anderes: ob Inhalte entsprechend ihrer Relevanz für das Subjekt ausgewählt oder unabhängig von dieser Relevanz generiert werden.

Daher nehmen sowohl introvertierte als auch extravertierte Funktionen reale Objekte der Umwelt wahr. Die introvertierte Wahrnehmung ist nicht weniger „real“ als die extravertierte. Sie abstrahiert lediglich von dem, was für das Subjekt nicht relevant ist.

Diese Unterscheidung ermöglicht es, Komissarovas Beschreibung psychologischer Grenzen neu zu lesen.


Wenn die Umwelt „Mutter“ ist

Komissarova schreibt, dass ein zur Verschmelzung neigender Mensch keine Gefahr mehr von einem sympathischen Objekt wahrnimmt. Das Objekt wird zu einem „Eigenen“ und anschließend zu einer „Fortsetzung seiner selbst“.

In ihrer Terminologie sind das schlechte Grenzen.

Betrachtet man dieses Phänomen jedoch anhand der Unterscheidung der Einstellungen zum Objekt, lässt sich darin die Einseitigkeit einer extravertierten Einstellung erkennen.

Bei extravertierter Einstellung existiert die Umwelt unabhängig vom Subjekt. Ihre Inhalte werden nicht danach ausgewählt, wie relevant sie für das Subjekt sind.

Eine solche Einstellung führt für sich genommen nicht zur Verschmelzung. Das Problem entsteht, wenn sie nicht durch die entgegengesetzte Einstellung kompensiert wird.

Mit dieser Form der Einseitigkeit lassen sich Komissarovas Onegins und Rapunzeln in Beziehung setzen.

Das Objekt zieht den Menschen an, der Mensch öffnet sich dem Objekt, und die Trennung der Grenzen verschwindet. Komissarova beschreibt das Ergebnis so, dass der andere zur „liebenden Mutter“ und man selbst zum Säugling wird.

In Jungs Terminologie kann extravertierte Einseitigkeit unter anderem als übermäßige Bestimmung durch das Objekt beschrieben werden, bei der das Subjekt gewissermaßen gegenüber dem Objekt „verloren geht“.

Diese jungianische Formulierung darf jedoch nicht wörtlich auf das hier vorgeschlagene Modell übertragen werden.

Hier ist das Subjekt ein atomarer Pol der psychischen Wirklichkeit in der Dichotomie:

Subjekt – Umwelt

Das Subjekt kann nicht „verschwinden“ oder „weniger repräsentiert“ sein. Jungs Vorstellung vom „Verlust des Subjekts“ ist daher hier ausschließlich als Beschreibung des Phänomens einer einseitigen extravertierten Einstellung zu verstehen, nicht als Beschreibung der Struktur des Subjekts im vorliegenden Modell.

Wenn die Umwelt „Stiefmutter“ ist

Das entgegengesetzte Extrem ist besonders interessant.

Komissarova schreibt über Petschorins und Aschenputtel:

Andere Menschen sind nicht die Mutter;
selbst die Mutter steht „in Opposition“;
jeder ist für sich selbst;
der Mensch ist dem Menschen ein Wolf;
der Mensch ist im Grunde allein.

Komissarova betrachtet dies als einen Zustand, in dem Grenzen bereits entstanden sind, wenn auch noch als unvollkommene Entwicklungsstufe: Solche Menschen haben gelernt, sich von anderen zu trennen, aber noch nicht, unter Wahrung dieser Getrenntheit zu lieben.

Aus der Perspektive des hier vorgeschlagenen Modells lässt sich darin die Einseitigkeit der introvertierten Einstellung erkennen.

Bei introvertierter Einstellung wird die Umwelt über ihre Relevanz für das Subjekt repräsentiert.

Das bedeutet nicht, dass der Introvertierte die äußere Wirklichkeit verzerrt oder erfindet.

Er kann reale Veränderungen, reale Invarianten und reale Bedeutsamkeit vollkommen genau wahrnehmen. Aus der Gesamtheit möglicher Inhalte gelangen jedoch vor allem diejenigen in sein psychisches Modell, die für das Subjekt relevant sind.

Gerade deshalb lässt sich die Unabhängigkeit der Umwelt bei einer einseitigen introvertierten Einstellung nur schwer repräsentieren.

Wenn ein Objekt aufgrund seiner Relevanz für das Subjekt in das Modell eingeht, wird es zu etwas für das Subjekt:

förderlich oder nachteilig;

unterstützend oder hinderlich;

nützlich oder schädlich;

sicher oder gefährlich.

Im einfachsten Bild:

entweder eine liebende Mutter oder eine böse Stiefmutter.

Die dritte Möglichkeit –

die Umwelt existiert unabhängig vom Subjekt und ist überhaupt nicht um dessen Wohlergehen herum organisiert

– erfordert die entgegengesetzte, extravertierte Einstellung.


Warum aus fehlender Fürsorge Feindseligkeit wird

Die Logik von Komissarovas Petschorin und Aschenputtel ist hier besonders aufschlussreich.

Zunächst kann ein Mensch erwarten:

Die Umwelt sorgt für mich.

Dann entdeckt er:

Andere Menschen kümmern sich um ihre eigenen Interessen.

Bei einer einseitigen introvertierten Einstellung ist es schwierig, aus dieser Entdeckung unmittelbar zu der neutralen Feststellung zu gelangen:

Sie existieren unabhängig von mir.

Da die Umwelt weiterhin über ihre Relevanz für das Subjekt repräsentiert wird, kann die fehlende Fürsorge für das Subjekt leicht das entgegengesetzte Vorzeichen erhalten:

Wenn sie nicht für mich sind, sind sie gegen mich.

Aus der Mutter wird die Stiefmutter.

Gerade deshalb ist Komissarovas Formulierung, selbst die Mutter stehe „in Opposition“, so aufschlussreich.

„In Opposition“ ist keine Beschreibung einer unabhängigen Umwelt.

Es ist weiterhin eine Beschreibung des Objekts in Relation zum Subjekt.

Das Objekt bleibt für das Subjekt relevant; lediglich das Vorzeichen dieser Relevanz ändert sich.


Keine Stadien, sondern zwei verschiedene Formen der Einseitigkeit

In der hier vorgeschlagenen Interpretation sind Onegin/Rapunzel und Petschorin/Aschenputtel keine aufeinanderfolgenden Stadien, die ein und derselbe Mensch durchläuft.

Sie entsprechen zwei verschiedenen Formen der Einseitigkeit der Einstellung zum Objekt.

Bei einem Menschen, dessen Hauptfunktion eine extravertierte Einstellung hat und der sich auf dem Linken Weg befindet, wird diese Einstellung nicht durch differenzierte introvertierte Funktionen kompensiert. Mit dieser Form der Einseitigkeit lässt sich das von Komissarova beschriebene Verschmelzen von Onegin und Rapunzel in Beziehung setzen.

Bei einem Menschen, dessen Hauptfunktion eine introvertierte Einstellung hat und der sich auf dem Linken Weg befindet, fehlt die differenzierte Kompensation durch extravertierte Funktionen. Mit dieser Form lässt sich die Haltung von Petschorin und Aschenputtel zur Umwelt in Beziehung setzen: Die Umwelt wird ausschließlich hinsichtlich ihrer Relevanz für das Subjekt betrachtet und erscheint deshalb entweder als günstig oder als ungünstig für das Subjekt.

Die eine Form ist keine Entwicklungsstufe, die zur anderen führt. Die Einstellung der Hauptfunktion ändert sich beim Übergang vom Linken zum Rechten Weg nicht.

Was sich verändert, ist die Struktur ihrer Kompensation.

Ein Extravertierter auf dem Linken Weg muss nicht zunächst eine introvertierte Einseitigkeit erwerben, um zu einer kompensierten Einstellung zu gelangen. Auf dem Rechten Weg bleibt seine extravertierte Hauptfunktion extravertiert, doch zwei differenzierte Funktionen mit introvertierter Einstellung sind vorhanden.

Ebenso durchläuft ein Introvertierter nicht zunächst eine extravertierte Einseitigkeit. Seine Hauptfunktion bleibt introvertiert; auf dem Rechten Weg wird ihre Einstellung jedoch durch zwei differenzierte extravertierte Funktionen kompensiert.

Das Modell schlägt also nicht folgende Abfolge vor:

unkompensierte extravertierte Einstellung → unkompensierte introvertierte Einstellung → Kompensation

und auch nicht die umgekehrte.

Vielmehr gibt es – abhängig von der Einstellung der Hauptfunktion – zwei verschiedene Übergänge:

unkompensierte extravertierte Einstellung → kompensierte extravertierte Einstellung

oder

unkompensierte introvertierte Einstellung → kompensierte introvertierte Einstellung.


Die Kompensation der Einstellung bei Jung

Carl Gustav Jung betonte wiederholt, dass die Einseitigkeit der bewussten Einstellung durch die entgegengesetzte Einstellung des Unbewussten kompensiert wird.

Eine bewusste extravertierte Tendenz wird von einer introvertierten Kompensation begleitet.

Eine bewusste introvertierte Tendenz von einer extravertierten.

In der klassischen jungianischen Theorie wird diese Kompensation vor allem über das Verhältnis zwischen Bewusstsein und Unbewusstem beschrieben.

Das hier vorgeschlagene Modell ermöglicht es, die Kompensation anders und strukturell genauer zu beschreiben.

Die Kompensation wird durch differenzierte Funktionen der entgegengesetzten Einstellung gewährleistet.

Genau hier wird die Unterscheidung zwischen dem Rechten Weg und dem Linken Weg entscheidend.


Der Rechte Weg: Beide Einstellungen sind durch differenzierte Funktionen vertreten

Auf dem Rechten Weg enthält das Bewusstsein nicht nur die Hauptfunktion und nicht nur Funktionen mit derselben Einstellung wie die Hauptfunktion.

Zwei differenzierte Funktionen besitzen eine Einstellung, die der Einstellung der Hauptfunktion entgegengesetzt ist.

Die Einseitigkeit der Haupteinstellung wird dadurch strukturell kompensiert.

Wenn die Hauptfunktion extravertiert ist

Die extravertierte Einstellung generiert Inhalte über die Umwelt unabhängig von ihrer Relevanz für das Subjekt.

Auf dem Rechten Weg gibt es jedoch zusätzlich zwei differenzierte introvertierte Funktionen.

Sie generieren Inhalte, die entsprechend ihrer Relevanz für das Subjekt ausgewählt werden.

Die extravertierte Einstellung bleibt daher nicht die einzige differenzierte Form der Beziehung der Psyche zum Objekt.

Neben Inhalten über die Umwelt als vom Subjekt unabhängige Wirklichkeit entstehen Inhalte über dieselbe Umwelt, die nach ihrer Relevanz für das Subjekt ausgewählt werden.

Die extravertierte Einstellung wird auf dem Rechten Weg somit durch die introvertierte Einstellung kompensiert.

Deshalb darf Extraversion als solche nicht mit der Verschmelzung von Grenzen gleichgesetzt werden, die Komissarova bei Onegin und Rapunzel beschreibt.

Wenn die Hauptfunktion introvertiert ist

Bei introvertierter Einstellung werden Inhalte über die Umwelt entsprechend ihrer Relevanz für das Subjekt ausgewählt.

Auf dem Rechten Weg gibt es jedoch zwei differenzierte extravertierte Funktionen.

Sie generieren Inhalte über die Umwelt unabhängig von deren Relevanz für das Subjekt.

Die Umwelt wird daher nicht mehr ausschließlich unter der Frage repräsentiert:

Was bedeutet das für das Subjekt?

Im Bewusstsein entstehen auch andere Inhalte – Inhalte über die Umwelt unabhängig von ihrer Beziehung zum Subjekt.

Deshalb muss eine introvertierte Einstellung auf dem Rechten Weg weder das Bild einer liebenden Mutter noch das einer bösen Stiefmutter hervorbringen.

Sie wird durch die extravertierte Einstellung kompensiert.


Kompensation bedeutet nicht, dass eine Einstellung die andere korrigiert

Es ist wichtig zu betonen: Es geht nicht darum, dass eine Einstellung „richtig“ wäre und die andere deren Mängel korrigieren müsste.

Die extravertierte Einstellung ist nicht weniger reif, weil sie sich auf die Umwelt unabhängig von deren Relevanz für das Subjekt richtet.

Die introvertierte Einstellung ist nicht weniger reif, weil sie Inhalte nach ihrer Relevanz für das Subjekt auswählt.

Beide Einstellungen sind notwendig.

Beide können einseitig werden, wenn die entgegengesetzte Einstellung nicht durch differenzierte Funktionen vertreten ist.

Kompensation bedeutet daher nicht die Korrektur eines Fehlers, sondern das gleichzeitige Vorhandensein zweier verschiedener Formen der Beziehung zum Objekt.

Dadurch lässt sich Jungs Vorstellung von der Kompensation der bewussten Einstellung durch die entgegengesetzte Einstellung des Unbewussten anders verstehen.

Im hier vorgeschlagenen Modell erhält das, was Jung als Kompensation beschrieb, eine konkrete funktionale Struktur.


Der Linke Weg: Nur die Hauptfunktion ist differenziert

Auf dem Linken Weg ist die Struktur eine andere.

Nur die Hauptfunktion bleibt differenziert.

Die übrigen drei Funktionen bilden einen undifferenzierten Komplex.

Die entgegengesetzte Einstellung ist daher nicht in derselben Weise wie auf dem Rechten Weg durch zwei differenzierte Funktionen vertreten.

Die Haupteinstellung bleibt unkompensiert.

Dadurch werden die beiden gegensätzlichen Muster möglich, die Komissarova beschreibt.

Unkompensierte extravertierte Einstellung

Ist die Hauptfunktion extravertiert und fehlt eine differenzierte introvertierte Kompensation, wird die extravertierte Einstellung einseitig.

Mit dieser Einseitigkeit lassen sich Komissarovas Onegins und Rapunzeln in Beziehung setzen, die einen Menschen, sobald er ihnen gefällt, als „einen der Eigenen“ und als „Fortsetzung ihrer selbst“ wahrzunehmen beginnen.

In jungianischer Terminologie lässt sich dies als übermäßige Bestimmung durch das Objekt und als „Verlust des Subjekts“ beschreiben.

Im vorliegenden Modell wird der Ausdruck „Verlust des Subjekts“ jedoch nicht wörtlich verwendet. Das Subjekt bleibt der atomare Pol der psychischen Wirklichkeit.

Es geht vielmehr um eine unkompensierte extravertierte Einstellung zum Objekt.

Komissarova beschreibt die Verschmelzung von Grenzen als eine mögliche Erscheinungsform dieses Zustands.

Unkompensierte introvertierte Einstellung

Ist die Hauptfunktion introvertiert und fehlt eine differenzierte extravertierte Kompensation, wird die Umwelt vor allem über ihre Relevanz für das Subjekt repräsentiert.

Mit dieser Einseitigkeit lassen sich Komissarovas Petschorins und Aschenputtel in Beziehung setzen.

Hier wird der andere nicht mehr als Fortsetzung des Subjekts wahrgenommen. Im Gegenteil: Seine Getrenntheit wird besonders stark betont.

Doch gerade diese Getrenntheit bleibt für das Subjekt relevant.

Der andere:

wird sich nicht um mich kümmern;
hat eigene Interessen;
kann gegen meine Interessen handeln;
kann eine Gefahr darstellen.

Daraus folgen Vorstellungen wie:

Jeder ist für sich selbst;
der Mensch ist dem Menschen ein Wolf;
der Mensch ist im Grunde allein.

Die Unabhängigkeit der Umwelt ist als neutrale Kategorie nicht zugänglich.

Wenn die Umwelt nicht Mutter ist, wird sie zur Stiefmutter.


Warum richtige Regeln das Problem nicht lösen

Man kann eine ganze Reihe vollkommen vernünftiger Regeln formulieren:

Andere Menschen haben eigene Interessen;
ein anderer Mensch darf nicht als Fortsetzung der eigenen Person betrachtet werden;
man sollte nicht erwarten, dass andere die eigenen Bedürfnisse erfüllen;
nicht jeder Mensch ist gefährlich;
die Grenzen anderer Menschen sind zu respektieren.

Ein Mensch auf dem Linken Weg kann all diesen Aussagen vollkommen aufrichtig zustimmen.

Doch die Zustimmung zu einer richtigen Aussage erzeugt keine differenzierten Funktionen der entgegengesetzten Einstellung.

Ein Mensch mit einer unkompensierten extravertierten Einstellung kann wissen:

„Der andere Mensch ist keine Fortsetzung meiner selbst.“

Dieses Wissen erzeugt jedoch nicht von selbst eine differenzierte introvertierte Kompensation.

Ein Mensch mit einer unkompensierten introvertierten Einstellung kann sich sagen:

„Die Umwelt ist mir nicht feindlich gesinnt.“

Aber auch diese Aussage erzeugt keine differenzierten extravertierten Funktionen, die Inhalte über die Umwelt unabhängig von deren Relevanz für das Subjekt generieren könnten.

Deshalb können psychologische Ratschläge, die auf der Ebene expliziter Aussagen vollkommen richtig sind, an der Organisation psychischer Inhalte nur sehr wenig verändern.

Das Problem liegt nicht in erster Linie auf der Ebene der Überzeugungen.

Es liegt auf der Ebene der Differenzierung der Funktionen und der Kompensation der Einstellung.


Gute Grenzen als Folge einer kompensierten Einstellung

Nun können wir zu Komissarovas prägnanter Formulierung zurückkehren:

„Gute Grenzen bedeuten, sich zu öffnen, ohne zu verschmelzen.“

Diese Formel beschreibt das Ergebnis gut, aber nicht unbedingt den Mechanismus, durch den dieses Ergebnis entsteht.

Im hier vorgeschlagenen Modell lässt sich die Fähigkeit, „sich zu öffnen, ohne zu verschmelzen“, als Folge davon verstehen, dass die Einstellung der Hauptfunktion durch differenzierte Funktionen der entgegengesetzten Einstellung kompensiert wird.

Ist die Hauptfunktion extravertiert, generiert die Psyche Inhalte über die Umwelt unabhängig von deren Relevanz für das Subjekt. Auf dem Rechten Weg generieren jedoch gleichzeitig differenzierte introvertierte Funktionen Inhalte, die nach ihrer Relevanz für das Subjekt ausgewählt werden.

Ist die Hauptfunktion introvertiert, wählt die Psyche Inhalte über die Umwelt entsprechend ihrer Relevanz für das Subjekt aus. Auf dem Rechten Weg generieren jedoch gleichzeitig differenzierte extravertierte Funktionen Inhalte unabhängig von dieser Relevanz.

Keine der beiden Einstellungen wird dadurch zur einzigen differenzierten Form der Beziehung der Psyche zum Objekt.

Darin liegt der entscheidende strukturelle Unterschied zwischen dem Rechten und dem Linken Weg.


Weder Mutter noch Stiefmutter

Die Bilder von „Mutter“ und „Stiefmutter“ machen diesen Unterschied besonders anschaulich.

Bei einer einseitigen introvertierten Einstellung wird die Umwelt über ihre Relevanz für das Subjekt wahrgenommen.

Sie erscheint daher als etwas für das Subjekt.

Befriedigt sie die Bedürfnisse des Subjekts, ist sie „Mutter“.

Stellt sich heraus, dass sie sich nicht um das Wohlergehen des Subjekts kümmert, entsteht die entgegengesetzte Interpretation: Sie ist „Stiefmutter“.

Deshalb kann die Entdeckung, dass die Umwelt unabhängig ist, nicht als neutrale Feststellung erlebt werden:

„Sie existiert unabhängig von mir“,

sondern als:

„Sie bedroht mich.“

In beiden Fällen wird die Umwelt weiterhin in Relation zum Subjekt betrachtet.

Die Einstellung hat sich nicht verändert. Nur das Vorzeichen der Relevanz hat sich verändert.

Auf dem Rechten Weg wird die introvertierte Einstellung durch differenzierte extravertierte Funktionen kompensiert. Neben Inhalten, die für das Subjekt relevant sind, generiert die Psyche daher auch Inhalte über die Umwelt unabhängig von dieser Relevanz.

Damit entsteht eine Möglichkeit, die einer einseitigen introvertierten Einstellung nicht zugänglich ist:

Die Umwelt kann weder Mutter noch Stiefmutter sein.

Sie kann einfach unabhängig vom Subjekt existieren.


Die extravertierte Einstellung muss nicht introvertiert werden

Umgekehrt bedeutet all dies keineswegs, dass ein Extravertierter lernen müsste, die Welt vor allem unter dem Gesichtspunkt ihrer Relevanz für das Subjekt zu betrachten, um gute Grenzen zu entwickeln.

Damit würde lediglich eine Einstellung durch die andere ersetzt.

Auf dem Rechten Weg geschieht das nicht.

Die extravertierte Hauptfunktion bleibt extravertiert. Die Umwelt wird weiterhin unabhängig von ihrer Relevanz für das Subjekt repräsentiert.

Die Kompensation wird durch andere differenzierte Funktionen mit introvertierter Einstellung gewährleistet.

Beide Einstellungen behalten daher ihre Eigenart.

Ebenso hört ein Introvertierter auf dem Rechten Weg nicht auf, introvertiert zu sein. Seine Hauptfunktion generiert weiterhin Inhalte, die entsprechend ihrer Relevanz für das Subjekt ausgewählt werden. Zwei differenzierte extravertierte Funktionen verhindern jedoch, dass diese Einstellung die einzige differenzierte Einstellung bleibt.

Die Kompensation beseitigt die Haupteinstellung nicht.

Sie beseitigt ihre Einseitigkeit.


Von Jung zu einem funktionalen Modell der Kompensation

Gerade hier wird deutlich, dass das vorgeschlagene Modell Jung nicht lediglich mit anderen Begriffen wiederholt.

Jung erkannte das allgemeine Prinzip: Die bewusste Einstellung neigt zur Einseitigkeit, während die entgegengesetzte Einstellung eine kompensierende Funktion übernimmt.

In seinem Modell wird diese Kompensation jedoch weitgehend über das Verhältnis zwischen Bewusstsein und Unbewusstem beschrieben.

Das hier vorgeschlagene Modell benennt eine konkretere Struktur.

Auf dem Rechten Weg:

die Einstellung der Hauptfunktion + zwei differenzierte Funktionen der entgegengesetzten Einstellung.

Auf dem Linken Weg:

Nur die Hauptfunktion ist differenziert; die entgegengesetzte Einstellung ist nicht durch zwei differenzierte Funktionen vertreten.

Die Unterscheidung zwischen Rechtem und Linkem Weg kann daher erklären, warum ein und dieselbe Einstellung sich auf sehr unterschiedliche Weise manifestieren kann.

Extraversion bedeutet an sich keine Verschmelzung.

Introversion bedeutet an sich weder Wachsamkeit noch die Wahrnehmung der Umwelt als Bedrohung.

Solche Extreme entstehen bei einer unkompensierten Einstellung.


Eine andere Interpretation von Komissarovas Charaktertypen

Aus dieser Perspektive erhält Komissarovas Charaktertypologie eine andere Bedeutung.

Ihre Beobachtungen können beibehalten werden, ohne die von ihr vorgeschlagene Abfolge von Entwicklungsstadien zu übernehmen.

Sie beschreibt zwei sehr unterschiedliche Formen der Beziehung zum Objekt.

Onegin und Rapunzel

Der andere wird leicht zu einem „Eigenen“ und anschließend zu einer „Fortsetzung seiner selbst“. Sobald Sympathie entsteht, verschwindet die Grenze.

Dieses Muster lässt sich mit einer unkompensierten extravertierten Einstellung in Beziehung setzen.

Petschorin und Aschenputtel

Der andere ist klar getrennt. Doch diese Getrenntheit wird weiterhin in Relation zum Subjekt wahrgenommen: Der andere hat eigene Interessen, wird sich nicht um das Subjekt kümmern und kann ihm gegenüber in Opposition stehen. Daraus entstehen Vorstellungen wie „Jeder ist für sich selbst“ und „Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf“.

Dieses Muster lässt sich mit einer unkompensierten introvertierten Einstellung in Beziehung setzen.

Es handelt sich daher nicht um zwei Stadien, die ein Mensch nacheinander durchlaufen muss.

Es sind zwei unterschiedliche Formen der Einseitigkeit der Einstellung zum Objekt, die unterschiedlichen Einstellungen der Hauptfunktion entsprechen.

Die eine entwickelt sich nicht zur anderen.

Für einen Menschen mit extravertierter Hauptfunktion lautet der relevante Übergang:

unkompensierte extravertierte Einstellung → kompensierte extravertierte Einstellung.

Für einen Menschen mit introvertierter Hauptfunktion:

unkompensierte introvertierte Einstellung → kompensierte introvertierte Einstellung.

Was Komissarova als gute Grenzen bezeichnet, kann daher nicht als nächste Stufe nach beiden Extremen verstanden werden, sondern als Folge der Kompensation der Haupteinstellung auf dem Rechten Weg.


Was genau wird kompensiert?

Es ist noch einmal wichtig zu betonen, dass hier die Einstellung kompensiert wird – nicht der rationale oder irrationale Charakter einer Funktion und auch nicht die Art der Bedeutsamkeit, die sie generiert.

Ein introvertiertes T bleibt eine Funktion, die Bedeutsamkeit für das Nicht-Subjekt generiert.

Ein introvertiertes F bleibt eine Funktion, die Bedeutsamkeit für das Subjekt generiert.

Introvertierte S und N bleiben Funktionen der Wahrnehmung von Invarianten beziehungsweise Veränderungen.

Dasselbe gilt für extravertierte Funktionen.

Die Einstellung bestimmt nicht den Inhalt der Funktion.

Sie bestimmt das Verhältnis dieses Inhalts zur Relevanz für das Subjekt.

Die Kompensation einer introvertierten Einstellung durch eine extravertierte bedeutet daher beispielsweise nicht, dass „die Bedürfnisse des Subjekts“ durch Informationen über einen anderen Menschen kompensiert würden.

Ebenso bedeutet die Kompensation einer extravertierten Einstellung durch eine introvertierte nicht, dass irgendein „verlorenes Subjekt“ in die Psyche zurückgebracht würde.

Solche Formulierungen würden verschiedene Ebenen des Modells miteinander vermischen.

Kompensiert wird ausschließlich die Einseitigkeit der Einstellung zum Objekt.


Grenzen als struktureller Effekt

Damit lässt sich auch die Vorstellung aufgeben, gute Grenzen seien in erster Linie ein Bündel erlernter Regeln.

Ein Mensch kann alle Regeln kennen:

Der andere ist getrennt;
man darf den anderen nicht vereinnahmen;
jeder hat ein Recht auf eigene Wünsche;
nicht alle Menschen sind gefährlich;
Nähe bedeutet nicht Verschmelzung.

Doch dieses Wissen allein verändert den Differenzierungsstatus der Funktionen nicht.

Die Frage lässt sich daher anders stellen.

Nicht:

Welche Überzeugungen muss ein Mensch erwerben, um gute Grenzen zu entwickeln?

Sondern:

Bei welcher Organisation der psychischen Funktionen entstehen die als gute Grenzen beschriebenen Phänomene auf natürliche Weise?

Die hier vorgeschlagene Hypothese lautet, dass die entscheidende Bedingung in der Kompensation der Einstellung der Hauptfunktion durch differenzierte Funktionen der entgegengesetzten Einstellung auf dem Rechten Weg besteht.

Dann sind weder die Verschmelzung mit dem Objekt noch eine defensive Distanzierung von ihm erforderlich.

Nicht weil der Mensch die richtige Formel für Beziehungen gelernt hat, sondern weil seine Psyche nicht mehr auf eine einzige differenzierte Einstellung zum Objekt beschränkt ist.


Schluss

Komissarovas Aussage, Menschen würden ihre Grenzen verschmelzen, weil sie von sympathischen Menschen „überhaupt keine Gefahr“ spürten, bietet einen unerwarteten Ausgangspunkt für die Untersuchung psychologischer Grenzen.

Der Verschmelzung stellt sie die Entdeckung der Getrenntheit des anderen gegenüber: Andere Menschen sind egoistisch, jeder kümmert sich um seine eigenen Interessen, selbst die Mutter kann „in Opposition“ stehen. Diese zunächst feindselig erlebte Getrenntheit soll in Komissarovas Entwicklungsschema anschließend in eine ruhige Anerkennung der eigenständigen Interessen anderer Menschen übergehen.

Vergleicht man diese Konstruktion mit Jungs Einstellungen zum Objekt, ergibt sich eine andere Interpretation.

Onegin/Rapunzel und Petschorin/Aschenputtel sind keine aufeinanderfolgenden Entwicklungsstadien. Sie repräsentieren zwei unterschiedliche Formen der Einseitigkeit der Einstellung zum Objekt.

Die erste lässt sich mit einer unkompensierten extravertierten Einstellung in Beziehung setzen.

Die zweite mit einer unkompensierten introvertierten Einstellung.

Ein Mensch wechselt nicht von einer dieser Formen der Einseitigkeit zur anderen. Die Einstellung seiner Hauptfunktion bleibt unverändert.

Auf dem Rechten Weg wird ihre Einseitigkeit durch zwei differenzierte Funktionen der entgegengesetzten Einstellung kompensiert.

Die extravertierte Einstellung bleibt extravertiert.

Die introvertierte Einstellung bleibt introvertiert.

Keine von beiden gilt als reifer, richtiger oder sicherer.

Sie kompensieren einander.

Damit erhält auch der Titel Weder Mutter noch Stiefmutter eine wörtliche Bedeutung innerhalb des Modells.

Bei einer einseitigen introvertierten Einstellung kann die Umwelt psychisch nicht neutral gegenüber dem Subjekt sein, weil gerade das für das Subjekt Relevante in das Modell eingeht. Die Umwelt erscheint daher entweder als günstig – als „Mutter“ – oder als ungünstig – als „Stiefmutter“.

Die extravertierte Einstellung eröffnet eine andere Möglichkeit:

Die Umwelt existiert unabhängig von ihrer Relevanz für das Subjekt.

Die introvertierte Einstellung wiederum bewahrt Inhalte, die nach ihrer Relevanz für das Subjekt ausgewählt werden.

Auf dem Rechten Weg sind beide Möglichkeiten durch differenzierte Funktionen gleichzeitig vorhanden.

Gute psychologische Grenzen müssen daher nicht in erster Linie als ein Regelwerk verstanden werden, das ein Mensch erlernen muss.

Sie können als struktureller Effekt eines Bewusstseins verstanden werden, in dem keine der beiden Einstellungen zum Objekt einseitig bleibt.