Interesse, Relevanz, Bedeutsamkeit und Aufmerksamkeit

Vier Begriffe an der Schnittstelle von RM-ODP, Jung und dem Bewusstseinsmodell

Das Wort Interesse scheint auf den ersten Blick einen ziemlich klaren psychologischen Sachverhalt zu bezeichnen. Wir interessieren uns für einen Menschen, eine wissenschaftliche Frage, ein Buch, eine Tätigkeit oder ein Ereignis. Etwas interessiert uns oder interessiert uns nicht. Wir können unser Interesse verlieren, ein neues Interesse entwickeln oder uns jahrelang für denselben Gegenstand interessieren.

Sobald man jedoch versucht, genauer zu bestimmen, was dabei eigentlich geschieht, zerfällt der scheinbar einheitliche Begriff.

Ist Interesse eine Eigenschaft des Gegenstandes? Ist es eine Beziehung zwischen Subjekt und Gegenstand? Ist es die Richtung psychischer Energie? Ist es Bedeutsamkeit für das Subjekt? Ist es die Richtung der Aufmerksamkeit? Oder bedeutet Interesse lediglich, dass etwas innerhalb eines bestimmten Zusammenhangs relevant ist?

Diese Fragen werden besonders deutlich, wenn man drei sehr verschiedene Verwendungen des Begriffs miteinander vergleicht: den technischen Ausdruck thing of interest im Reference Model of Open Distributed Processing (RM-ODP), Carl Gustav Jungs psychologischen Begriff des Interesses und Juliette Vazards philosophische Untersuchung des Interesses als einer Form der offenen Hinwendung zu einem Gegenstand.

Das hier entwickelte Bewusstseinsmodell legt nahe, dass unter dem einen Wort Interesse mehrere grundsätzlich verschiedene Sachverhalte zusammengefasst werden, die theoretisch getrennt werden müssen.

Besonders wichtig sind dabei drei Begriffe:

Relevanz, Bedeutsamkeit und Aufmerksamkeit.

Hinzu kommt als vierte Größe die Handlung des Subjekts.

Diese vier Größen gehören im Bewusstseinsmodell verschiedenen Zusammenhängen an. Relevanz hängt mit der Unterscheidung zwischen extravertierter und introvertierter Einstellung zusammen. Bedeutsamkeit ist psychischer Inhalt und wird durch die Funktion des Fühlens erzeugt. Die Richtung der Aufmerksamkeit wird vom Subjekt bestimmt und entscheidet darüber, welcher Weg des Bewusstseins aktualisiert wird. Die Handlung schließlich schließt den Zusammenhang zurück zur von der Psyche unabhängigen Wirklichkeit.

Gerade diese Trennung erlaubt es, die verschiedenen Bedeutungen von „Interesse“ genauer zu verstehen.

1. „Thing of interest“ im RM-ODP

Im RM-ODP ist interest zunächst kein psychologischer Begriff. Ein thing of interest ist etwas, das innerhalb eines bestimmten Diskurses beziehungsweise einer bestimmten Modellierung zum Gegenstand von Aussagen wird.

Das ist eine bemerkenswert nüchterne Verwendung des Wortes. Ein thing of interest muss niemanden faszinieren. Es muss keine Emotion hervorrufen. Es muss nicht einmal für einen konkreten Menschen persönlich wichtig sein.

Es ist ein Gegenstand, der innerhalb eines bestimmten Zusammenhangs von Belang ist.

Gerade deshalb liegt eine Verbindung zum Begriff der Relevanz nahe.

Eine Modellierung kann niemals sämtliche Eigenschaften der unabhängigen Wirklichkeit vollständig wiedergeben. Sie hebt bestimmte Gegenstände, Beziehungen und Eigenschaften hervor. Andere bleiben außerhalb des betrachteten Zusammenhangs.

Das RM-ODP führt damit auf eine grundlegende Frage:

Was ist innerhalb eines bestimmten Zusammenhangs relevant?

Diese zunächst technische Frage bekommt im Bewusstseinsmodell eine psychologische Bedeutung.

Denn auch psychischer Inhalt enthält nicht unterschiedslos alles, was sich in der unabhängigen Wirklichkeit befindet. Entscheidend ist jedoch, dass extravertierte und introvertierte Einstellung sich gerade hinsichtlich der Relevanz grundsätzlich unterscheiden.

2. Extraversion: der konkrete Gegenstand

In der extravertierten Einstellung wird der Gegenstand als unabhängig vom Subjekt gesetzt.

Das bedeutet für psychische Funktionen in extravertierter Einstellung: Ihr Inhalt bezieht sich auf den konkreten Gegenstand, ohne dass dessen Eigenschaften zunächst danach ausgewählt werden, welche von ihnen für das Subjekt relevant sind.

Das bedeutet selbstverständlich nicht, dass ein Mensch sämtliche Eigenschaften eines Gegenstandes wahrnehmen könnte. Wahrnehmung ist immer begrenzt. Es bedeutet vielmehr, dass Relevanz für das Subjekt nicht das Prinzip ist, nach dem der psychische Inhalt gebildet wird.

Das lässt sich besonders deutlich an den Wahrnehmungsfunktionen zeigen.

Nehmen wir einen Jugendlichen, der sich in der Pubertät befindet.

Extravertiertes Wahrnehmen von Veränderungen kann registrieren:

Er ist größer geworden.

Seine Stimme verändert sich.

Er bekommt erste Barthaare.

Sein Gesicht verändert sich.

Seine Schultern werden breiter.

Seine Bewegungen verändern sich.

Einzelne Veränderungen können groß oder klein, wesentlich oder nebensächlich, dauerhaft oder vorübergehend sein. Sie gehören zum konkreten Objekt und können deshalb Inhalt extravertierter Wahrnehmung werden.

Dasselbe lässt sich an der Wahrnehmung von Invarianten zeigen.

Ein Mensch betrachtet eine andere Person und nimmt wahr, wie sie gekleidet ist: Farbe, Schnitt, Stoff, einzelne Kleidungsstücke, Schuhe, Schmuck, Frisur, die Art, wie die Kleidung auf der Figur sitzt.

Auch hier geht es um konkrete Eigenschaften eines konkreten Objekts.

Das Objekt erscheint in seiner Individualität.

Gerade die Vielzahl scheinbar nebensächlicher Einzelheiten kann dabei wesentlich sein. Sie sind nicht deshalb Inhalt, weil sie für das Subjekt eine besondere Funktion erfüllen. Sie gehören zu diesem konkreten Gegenstand.

3. Introversion: das für das Subjekt Relevante

In der introvertierten Einstellung geschieht etwas grundsätzlich anderes.

Hier werden die Eigenschaften des Gegenstandes hinsichtlich ihrer Relevanz für das Subjekt unterschieden. Von dem, was irrelevant ist, wird abstrahiert.

Damit lässt sich möglicherweise ein wesentliches Kennzeichen introvertierter psychischer Inhalte erklären: ihre Abstraktheit.

Abstraktion wäre dann nicht die primäre Definition der Introversion. Sie wäre eine Folge der Relevanz.

Was für das Subjekt irrelevant ist, wird nicht zum Inhalt der betreffenden psychischen Funktion. Dadurch verschwinden individuelle Einzelheiten und es bleibt das als wesentlich beziehungsweise relevant Erfasste.

Der Unterschied wird am Beispiel des Jugendlichen besonders deutlich.

Extravertiertes Wahrnehmen von Veränderungen kann erzeugen:

Er ist größer geworden. Seine Stimme wird tiefer. Bei ihm wachsen erste Barthaare.

Introvertiertes Wahrnehmen von Veränderungen kann dagegen erzeugen:

Er wird erwachsen.

Oder:

Er wird zum jungen Mann.

„Er wird erwachsen“ ist kein zusätzliches konkretes Detail neben Körpergröße, Stimme und Bartwuchs.

Es ist ein abstraktes Veränderungsgeschehen.

Von zahlreichen einzelnen Veränderungen wird abstrahiert. Wahrgenommen wird das, was sie hinsichtlich des Subjekts als wesentlich zusammenfasst.

Entsprechend kann extravertiertes Wahrnehmen von Invarianten viele Einzelheiten einer Kleidung erfassen, während introvertiertes Wahrnehmen von Invarianten zu einem Inhalt wie

Sie ist elegant gekleidet

gelangen kann.

„Elegant“ ist kein einzelnes wahrnehmbares Kleidungsstück. Die konkreten Einzelheiten treten zurück. Übrig bleibt ein abstraktes Merkmal.

Damit lässt sich die grundlegende Differenz zunächst so formulieren:

In der extravertierten Einstellung richtet sich die psychische Funktion auf den konkreten Gegenstand, ohne seine Merkmale nach ihrer Relevanz für das Subjekt zu selektieren.

In der introvertierten Einstellung wird das für das Subjekt Relevante zum psychischen Inhalt; vom Irrelevanten wird abstrahiert.

Daraus ergibt sich der Gegensatz:

extravertiert – konkret

und

introvertiert – abstrakt.

Aber dieser Gegensatz wäre nicht die tiefste Erklärung. Tiefer liegt die unterschiedliche Beziehung zur Relevanz.

4. Relevanz und Bedeutsamkeit sind nicht dasselbe

Gerade hier entsteht leicht eine begriffliche Verwechslung.

Wenn etwas für das Subjekt relevant ist, heißt das nicht, dass es für das Subjekt bedeutsam ist.

Relevanz und Bedeutsamkeit haben im Bewusstseinsmodell einen unterschiedlichen Status.

Relevanz gehört zur Struktur der Einstellung. Sie erklärt, weshalb in introvertierter Einstellung bestimmte Merkmale des Objektes psychischer Inhalt werden und von anderen abstrahiert wird.

Bedeutsamkeit dagegen ist selbst psychischer Inhalt.

Sie wird von einer bestimmten psychischen Funktion erzeugt:

Die Funktion des Fühlens erzeugt Bedeutsamkeit eines Objektes für das Subjekt.

Diese Formulierung ist entscheidend.

Die Funktion des Fühlens entdeckt Bedeutsamkeit nicht.

Sie liest sie nicht am Objekt ab.

Sie verarbeitet keine bereits vorhandene Bedeutsamkeit.

Sie entscheidet auch nicht darüber, welche Bedeutsamkeit ein Objekt „in Wirklichkeit“ besitzt.

Sie erzeugt Bedeutsamkeit als psychischen Inhalt.

Damit gehört Bedeutsamkeit zur psychischen Wirklichkeit.

5. Psychische Funktionen erzeugen Inhalt

Diese Formulierung folgt einem allgemeinen Prinzip des Bewusstseinsmodells.

Psychische Funktionen sind nicht bloß unterschiedliche Arten, bereits vorhandenes psychisches Material zu bearbeiten. Sie erzeugen unterschiedliche Arten psychischen Inhalts.

Die Wahrnehmungsfunktionen erzeugen Wissen.

Die eine Wahrnehmungsfunktion erzeugt Wissen über Veränderungen, die andere Wissen über Invarianten.

Das Denken stellt Wissen als Information dar, das heißt in einer Form, die für Übertragung, Interpretation und Verarbeitung geeignet ist.

Information kann verarbeitet werden. Wissen selbst wird nicht „verarbeitet“.

Das Fühlen wiederum erzeugt Bedeutsamkeit eines Objektes für das Subjekt.

Damit sind Wahrnehmung, Denken und Fühlen nicht verschiedene Bearbeitungsweisen desselben Materials. Sie erzeugen unterschiedliche Inhalte.

Diese Unterscheidung wird besonders wichtig, sobald wir nach dem Verhältnis zwischen Bedeutsamkeit und Aufmerksamkeit fragen.

6. Aufmerksamkeit ist kein Produkt des Fühlens

Im alltäglichen Denken erscheint eine bestimmte Vorstellung beinahe selbstverständlich:

Etwas ist mir wichtig, deshalb richte ich meine Aufmerksamkeit darauf.

Diese Vorstellung verbindet Bedeutsamkeit und Aufmerksamkeit kausal miteinander.

Das Bewusstseinsmodell tut das nicht.

Im Modell sind Bedeutsamkeit und Richtung der Aufmerksamkeit kategorial getrennt.

Bedeutsamkeit gehört zum psychischen Inhalt und wird durch Fühlen erzeugt.

Über die Richtung der Aufmerksamkeit entscheidet dagegen das Subjekt.

Die Funktion des Fühlens lenkt also nicht die Aufmerksamkeit.

Sie hält die Aufmerksamkeit nicht auf einem Gegenstand.

Sie entscheidet nicht, welcher Funktion Aufmerksamkeit zukommt.

Und hohe Bedeutsamkeit eines Objektes bedeutet nicht automatisch, dass die Aufmerksamkeit auf dieses Objekt gerichtet sein muss.

Diese Trennung ist nicht nebensächlich. Sie gehört zur Architektur des Bewusstseinsmodells.

7. Aufmerksamkeit und die beiden Wege

Die Richtung der Aufmerksamkeit besitzt im Bewusstseinsmodell eine besondere Funktion.

Sie steht im Zusammenhang mit der Alternative zwischen dem rechten und dem linken Weg.

Auf dem rechten Weg richtet sich die Aufmerksamkeit spontan auf die Hilfsfunktion, die zweite Funktion.

Auf dem linken Weg muss die Aufmerksamkeit dagegen willentlich auf der vierten Funktion gehalten werden.

Die beiden Möglichkeiten sind alternativ. Es handelt sich nicht darum, zunächst die vierte Funktion zu „prüfen“ und anschließend zur zweiten zurückzukehren oder umgekehrt.

Die Richtung beziehungsweise das Festhalten der Aufmerksamkeit gehört vielmehr zu dem Mechanismus, durch den einer der beiden Wege aktualisiert wird.

Damit ist die Aufmerksamkeit unmittelbar mit dem Subjekt verbunden.

Das Subjekt besitzt eine Richtung der Aufmerksamkeit.

Das Fühlen dagegen ist eine psychische Funktion und erzeugt eine bestimmte Art psychischen Inhalts.

Schon deshalb dürfen beide nicht miteinander identifiziert werden.

8. Die Position des Fühlens im Bewusstseinsmodell

Auch die Frage nach der Rolle des Fühlens lässt sich nicht allgemein beantworten, indem man lediglich sagt:

Fühlen erzeugt Bedeutsamkeit.

Für jeden psychologischen Typ befindet sich die Funktion des Fühlens an einer bestimmten Position innerhalb der Struktur.

Diese Position bestimmt ihre Rolle im Ablauf des psychischen Geschehens.

Bei einem Typ kann Fühlen Hilfsfunktion sein.

Bei einem anderen kann es an dritter Stelle stehen.

Bei einem weiteren kann es eine unbewusste Funktion sein.

Der Inhalt bleibt derselben Funktionsart zugeordnet: Fühlen erzeugt Bedeutsamkeit für das Subjekt. Aber die strukturelle Rolle dieses Inhalts hängt davon ab, an welcher Stelle des Bewusstseinsmodells die Funktion steht und mit welchen anderen Funktionen sie verbunden ist.

Damit unterscheidet sich das Bewusstseinsmodell grundsätzlich von einer Theorie, die „Interesse“ als einen einheitlichen psychischen Mechanismus auffasst.

Es gibt nicht einfach einen Mechanismus „Interesse“, der bei allen Menschen an derselben Stelle dasselbe bewirkt.

9. Wohin wirkt die vom Fühlen erzeugte Bedeutsamkeit?

Wenn Bedeutsamkeit nicht die Aufmerksamkeit steuert, stellt sich die Frage nach ihrer Funktion.

Die Antwort des Bewusstseinsmodells führt über die Grenze der psychischen Wirklichkeit hinaus.

Die vom Fühlen erzeugte Bedeutsamkeit eines Objektes für das Subjekt beeinflusst die Handlungen des Subjektes in der von der Psyche unabhängigen Wirklichkeit.

Das ist ein entscheidender Punkt.

Die psychische Wirklichkeit darf nicht als geschlossene Innenwelt gedacht werden.

Die von der Psyche unabhängige Wirklichkeit wirkt über den Organismus und seine Sinnesorgane kausal auf die Entstehung psychischen Inhalts ein. Sie überträgt jedoch keinen fertigen psychischen Inhalt.

Umgekehrt bleibt die Wirkung auch in der anderen Richtung erhalten.

Das Subjekt handelt.

Diese Handlungen verändern die von der Psyche unabhängige Wirklichkeit.

Die vom Fühlen erzeugte Bedeutsamkeit beeinflusst diese Handlungen.

Damit wird der Kreis nicht innerhalb der Psyche geschlossen, sondern durch die Handlung zurück zur unabhängigen Wirklichkeit.

10. Zwei völlig verschiedene Richtungen

Gerade dadurch wird die Trennung zwischen Aufmerksamkeit und Bedeutsamkeit besonders deutlich.

Die Aufmerksamkeit wirkt auf die Organisation des psychischen Geschehens.

Die Bedeutsamkeit wirkt auf die Handlungen des Subjektes.

Sehr vereinfacht:

Richtung der Aufmerksamkeit → Weg innerhalb des Bewusstseinsmodells

und:

Bedeutsamkeit → Einfluss auf Handlungen in der von der Psyche unabhängigen Wirklichkeit

Das sind zwei verschiedene Beziehungen.

Deshalb ist die verbreitete intuitive Kette

Bedeutsamkeit → Aufmerksamkeit → Handlung

für das Bewusstseinsmodell nicht angemessen.

Das Modell trennt die beiden Übergänge.

Die Richtung der Aufmerksamkeit gehört zur Beziehung zwischen Subjekt und psychischen Funktionen.

Die durch Fühlen erzeugte Bedeutsamkeit gehört zum psychischen Inhalt und beeinflusst die Tätigkeit des Subjekts gegenüber der unabhängigen Wirklichkeit.

11. Jungs Interesse: Richtung der Libido

Vor diesem Hintergrund lässt sich Carl Gustav Jungs Begriff des Interesses genauer einordnen.

Jung verwendet den Begriff Libido für psychische Energie in einem allgemeinen Sinn. Interesse ist bei ihm eng mit der Richtung dieser Libido verbunden; teilweise erscheinen Interesse und gerichtete Libido beinahe als verschiedene Bezeichnungen desselben dynamischen Sachverhalts.

Für die Unterscheidung zwischen Extraversion und Introversion ist diese Richtung grundlegend.

Bei Extraversion richtet sich Libido auf das Objekt.

Bei Introversion wird Libido vom Objekt abgezogen und zum Subjekt zurückgeführt.

Das ist bemerkenswert nahe an einem Problem, das auch im Bewusstseinsmodell eine zentrale Rolle spielt: der Richtung psychischer Aktivität.

Dennoch darf Jungs Libido nicht einfach mit Aufmerksamkeit im Bewusstseinsmodell gleichgesetzt werden.

Die theoretischen Systeme sind verschieden.

Aber man kann feststellen: Jungs Begriff des Interesses liegt wesentlich näher am Problem der Richtung als am Begriff der vom Fühlen erzeugten Bedeutsamkeit.

Damit wird zugleich deutlich, warum es problematisch wäre, Jungs „Interesse“ einfach der Funktion des Fühlens zuzuordnen.

12. Vazard: Interesse und Aufmerksamkeitswürdigkeit

Juliette Vazard untersucht Interesse aus einer anderen philosophischen Perspektive.

Besonders wichtig ist ihre Unterscheidung zwischen curiosity und interest.

Neugier richtet sich typischerweise auf eine Frage oder eine epistemische Lücke.

Ein Mensch weiß etwas nicht und möchte es erfahren.

„Wer hat dieses Buch geschrieben?“

„Warum geschieht dieses Phänomen?“

„Wie funktioniert dieser Mechanismus?“

Sobald die Antwort gefunden wurde, kann die Neugier befriedigt sein.

Interesse muss dagegen keine bereits formulierte Frage voraussetzen.

Ein Mensch kann einen Gegenstand interessant finden, ohne zu wissen, welche Frage er zu ihm stellen möchte.

Er liest weiter.

Er beobachtet weiter.

Er kehrt zu dem Gegenstand zurück.

Er bemerkt neue Einzelheiten.

Neue Fragen entstehen möglicherweise erst im Verlauf dieser Beschäftigung.

Vazard verbindet Interesse deshalb mit der Vorstellung, dass ein Gegenstand weitere Aufmerksamkeit verdient.

Gerade diese Formulierung ist aus der Perspektive des Bewusstseinsmodells aufschlussreich.

Denn sie verbindet zwei Sachverhalte, die das Modell trennt:

eine Wertdimension

und

die Richtung beziehungsweise Fortsetzung der Aufmerksamkeit.

Das Bewusstseinsmodell würde hier zunächst analytisch auseinanderlegen:

Was ist psychischer Inhalt?

Was ist Bedeutsamkeit?

Und worauf richtet das Subjekt seine Aufmerksamkeit?

Damit widerspricht das Modell Vazard nicht notwendig. Es stellt vielmehr eine andere Art von Frage.

13. Interesse kann einer Frage vorausgehen

Vazards Unterscheidung ist besonders interessant für das Verständnis wissenschaftlicher und schöpferischer Tätigkeit.

Ein verbreitetes Ideal wissenschaftlicher Arbeit lautet:

Zuerst wird eine Forschungsfrage formuliert.

Dann wird eine Hypothese aufgestellt.

Dann werden Daten gesammelt.

Dann wird die Hypothese geprüft.

Ein großer Teil wirklicher Forschung entsteht jedoch anders.

Zuerst fällt etwas auf.

Ein Mensch beschäftigt sich damit.

Er sammelt Beobachtungen.

Er liest Texte.

Er vergleicht Fälle.

Er bemerkt Ähnlichkeiten.

Dann Unterschiede.

Manchmal bemerkt er erst nach langer Zeit, welche Frage er eigentlich untersucht.

Interesse kann also epistemisch früher liegen als die formulierte Frage.

Das ist für die Entstehung neuer Begriffe besonders wichtig.

Wer nur nach Antworten auf bereits formulierte Fragen sucht, bewegt sich innerhalb eines bereits strukturierten Problemraums.

Wer dagegen einem Gegenstand längere Zeit Aufmerksamkeit schenkt, ohne die Frage schon zu kennen, kann Unterschiede entdecken, für die es noch gar keine Begriffe gibt

. Gerade darin kann eine Quelle begrifflicher Neuerungen liegen.

14. RM-ODP und Relevanz

Damit können wir zum Ausgangspunkt zurückkehren: dem thing of interest im RM-ODP.

Von den drei betrachteten Interessenbegriffen scheint dieser am wenigsten psychologisch zu sein. Gerade deshalb könnte er für das Bewusstseinsmodell begrifflich besonders nützlich sein.

Ein thing of interest ist ein Gegenstand, der innerhalb eines bestimmten Zusammenhangs relevant ist.

Im Bewusstseinsmodell erhält Relevanz jedoch durch die Unterscheidung zwischen extravertierter und introvertierter Einstellung eine zusätzliche Bedeutung.

Für die extravertierte Einstellung ist das konkrete Objekt Ausgangspunkt.

Für die introvertierte Einstellung ist entscheidend, was am Objekt für das Subjekt relevant ist.

Von dem, was nicht relevant ist, wird abstrahiert.

Damit könnte die im RM-ODP selbstverständlich verwendete Rede vom interest auf einen Begriff aufmerksam machen, der für eine genauere Definition von Introversion und Extraversion besonders wichtig ist.

15. Konkret und abstrakt als Folge der Einstellung

Diese Überlegung verändert auch die Bedeutung des Gegensatzes konkret – abstrakt.

Zunächst könnte man vermuten:

Extravertierte Funktionen erzeugen konkreten Inhalt, introvertierte Funktionen abstrakten Inhalt.

Das beschreibt möglicherweise richtig, was wir beobachten.

Aber es erklärt noch nicht, warum.

Die Erklärung könnte in der Relevanz liegen.

Extravertierte Funktionen beziehen sich auf den konkreten Gegenstand unabhängig davon, welche seiner Eigenschaften für das Subjekt relevant sind.

Introvertierte Funktionen beziehen sich dagegen auf das für das Subjekt Relevante und abstrahieren von allem Übrigen.

Deshalb entsteht abstrakter Inhalt.

Damit wäre

konkret ↔ abstrakt

nicht die fundamentale Dichotomie, sondern die Erscheinungsform einer tiefer liegenden Dichotomie:

Objekt unabhängig vom Subjekt ↔ Relevanz für das Subjekt.

Diese Formulierung verbindet die neue Unterscheidung mit der fundamentalen Dichotomie Subjekt – Umwelt, auf der das Bewusstseinsmodell beruht.

16. Die beiden Wahrnehmungsfunktionen in beiden Einstellungen

Besonders deutlich wird das an den beiden Wahrnehmungsfunktionen.

Die eine erzeugt Wissen über Veränderungen.

Die andere erzeugt Wissen über Invarianten.

Beide können in extravertierter oder introvertierter Einstellung auftreten.

Damit entstehen vier verschiedene Arten von Wahrnehmungsinhalt.

Extravertiertes Wahrnehmen von Veränderungen erzeugt Wissen über konkrete Veränderungen eines konkreten Objektes:

Er ist gewachsen.
Seine Stimme wird tiefer.
Ihm wächst ein Bart.

Introvertiertes Wahrnehmen von Veränderungen erzeugt Wissen über abstrakte, für das Subjekt relevante Veränderungen:

Er wird erwachsen.
Er wird zum jungen Mann.

Extravertiertes Wahrnehmen von Invarianten erzeugt Wissen über konkrete stabile Eigenschaften eines konkreten Objektes:

Sie trägt einen dunkelblauen Mantel, einen roten Schal und schwarze Schuhe.

Introvertiertes Wahrnehmen von Invarianten erzeugt Wissen über abstrakte, für das Subjekt relevante Invarianten:

Sie ist elegant gekleidet.

Damit zeigt sich: Introvertiertes Wahrnehmen ist keineswegs notwendigerweise Wahrnehmen von Invarianten.

Auch Veränderungen können abstrakt wahrgenommen werden.

Umgekehrt ist extravertiertes Wahrnehmen nicht auf Veränderungen beschränkt. Auch Invarianten können konkret wahrgenommen werden.

Die beiden Dichotomien sind voneinander unabhängig:

Veränderung ↔ Invariante

und

extravertiert ↔ introvertiert.

17. Denken in extravertierter und introvertierter Einstellung

Dasselbe Prinzip lässt sich auf das Denken anwenden.

Das Denken erzeugt nicht das Wissen, sondern stellt Wissen als Information dar, also in einer Form, die für Übertragung, Interpretation und Verarbeitung geeignet ist.

In extravertierter Einstellung bleibt diese Information auf den konkreten Gegenstand bezogen.

Extravertiertes Denken stellt daher konkretes Wissen als Information dar.

Introvertiertes Denken abstrahiert dagegen vom Irrelevanten und stellt abstraktes Wissen als Information dar.

Damit erklärt sich, warum introvertiertes Denken besonders leicht mit Begriffen, Klassen, Prinzipien, allgemeinen Beziehungen und theoretischen Gegenständen arbeitet.

Das bedeutet nicht, dass ein introvertiert denkender Mensch die konkrete Wirklichkeit nicht kennt.

Es bedeutet, dass der Inhalt der Funktion durch Abstraktion von dem entsteht, was hinsichtlich des Subjekts irrelevant ist.

18. Fühlen in extravertierter und introvertierter Einstellung

Beim Fühlen zeigt sich dieselbe Grundstruktur in einer anderen Form.

Fühlen erzeugt Bedeutsamkeit eines Objektes für das Subjekt.

Für das extravertierte Fühlen lässt sich die Beziehung verkürzt als

„ich für den anderen“

beschreiben.

Der konkrete andere bleibt als Objekt erhalten. Seine Individualität, seine Bedürfnisse und seine Besonderheiten können Gegenstand der Beziehung sein.

Für das introvertierte Fühlen lässt sich die Beziehung dagegen verkürzt als

„der andere für mich“

beschreiben.

Der andere erscheint hinsichtlich seiner Relevanz für das Subjekt.

Er kann beispielsweise als Sohn, Partner, Helfer, Konkurrent, Lehrer, Schüler, Unterstützer oder Gefahr erscheinen.

Im Grenzfall kann ein anderer Mensch sogar vor allem hinsichtlich der Funktion wahrgenommen werden, die er für das Subjekt erfüllt — als Mittel für einen bestimmten Zweck.

Das bedeutet nicht, dass Menschen mit introvertiertem Fühlen andere Menschen notwendig instrumentalisieren. Eine solche moralische Aussage folgt aus der Struktur der Funktion nicht.

Es bedeutet lediglich, dass die Beziehung zum anderen durch seine Relevanz für das Subjekt strukturiert sein kann und von anderen individuellen Eigenschaften abstrahiert werden kann.

Gerade hier wird verständlich, warum die Kantische Forderung, den Menschen niemals bloß als Mittel, sondern immer zugleich als Zweck zu behandeln, so interessant ist. Auch „der Mensch als Zweck“ ist eine Abstraktion. Kant ersetzt nicht Abstraktion durch konkrete Wahrnehmung eines einzigartigen Individuums. Er formuliert vielmehr eine normative Forderung darüber, welche abstrakte Beziehung zu einem Menschen moralisch zulässig ist.

19. Relevanz und Bedeutsamkeit beim introvertierten Fühlen

Gerade beim introvertierten Fühlen können Relevanz und Bedeutsamkeit besonders leicht verwechselt werden.

Wenn ein Mensch für das Subjekt beispielsweise als „Helfer“ relevant ist, ist Helfer zunächst eine Bestimmung der Beziehung des Objektes zum Subjekt.

Die Funktion des Fühlens erzeugt dagegen Bedeutsamkeit.

Der andere kann für das Subjekt eine hohe Bedeutsamkeit besitzen.

Diese Bedeutsamkeit ist jedoch nicht dasselbe wie die Relevanzdimension, unter der der andere erfasst wird.

Ein Mensch kann also hinsichtlich einer bestimmten Rolle relevant sein und zugleich eine bestimmte Bedeutsamkeit für das Subjekt besitzen.

Die beiden Sachverhalte gehören theoretisch auseinander.

Gerade diese Trennung verhindert, dass „relevant“, „wichtig“, „bedeutsam“ und „interessant“ unbemerkt als Synonyme verwendet werden.

20. Interesse ist möglicherweise kein Grundbegriff

Damit stellt sich die Frage, ob das Bewusstseinsmodell überhaupt einen eigenen Grundbegriff Interesse benötigt.

Vielleicht nicht.

Alltagssprachlich kann der Satz

„Das interessiert mich.“

sehr verschiedene Sachverhalte zusammenfassen.

Er kann bedeuten:

Der Gegenstand ist für mich relevant.

Der Gegenstand besitzt für mich hohe Bedeutsamkeit.

Meine Aufmerksamkeit ist darauf gerichtet.

Ich möchte meine Aufmerksamkeit weiter darauf richten.

Ich werde aufgrund seiner Bedeutsamkeit handeln.

Mehrere dieser Sachverhalte können gleichzeitig auftreten. Sie müssen aber nicht zusammenfallen.

Ein Mensch kann etwas für bedeutsam halten und ihm dennoch gerade keine Aufmerksamkeit schenken.

Er kann seine Aufmerksamkeit willentlich auf etwas richten, das für ihn kaum bedeutsam ist.

Etwas kann für die Lösung einer Aufgabe hoch relevant sein, ohne für den Menschen persönlich eine hohe Bedeutsamkeit zu besitzen.

Und ein Gegenstand kann hohe Bedeutsamkeit besitzen, obwohl bestimmte seiner Eigenschaften für den gegenwärtigen Zusammenhang völlig irrelevant sind.

Der alltagssprachliche Begriff des Interesses verdeckt diese Unterschiede.

Das Bewusstseinsmodell macht sie sichtbar.

21. Drei Theorien – drei Ausschnitte

Damit lässt sich auch erklären, warum RM-ODP, Jung und Vazard unter demselben Wort scheinbar Verschiedenes behandeln.

Sie wählen unterschiedliche Ausschnitte.

Das RM-ODP interessiert sich für den Gegenstand eines Diskurses und damit für eine Struktur, die sich mit Relevanz verbinden lässt.

Jung interessiert sich für die Richtung psychischer Energie.

Vazard interessiert sich dafür, warum ein Gegenstand als einer erscheint, dem weitere Aufmerksamkeit zukommen sollte.

Das Bewusstseinsmodell stellt diese Ansätze nicht unter einen neuen einheitlichen Interessenbegriff.

Es tut das Gegenteil.

Es zerlegt den Interessenbegriff.

Was sprachlich als ein einziges Phänomen erscheint, wird in verschiedene strukturelle Beziehungen aufgelöst.

22. Relevanz, Bedeutsamkeit und Aufmerksamkeit

Damit lassen sich die drei zentralen Begriffe nun knapp gegenüberstellen.

Relevanz betrifft die Beziehung zwischen dem Gegenstand und dem Subjekt hinsichtlich dessen, was in introvertierter Einstellung als psychischer Inhalt erzeugt wird. Das Relevante bleibt; vom Irrelevanten wird abstrahiert.

Bedeutsamkeit ist psychischer Inhalt. Sie wird durch die Funktion des Fühlens erzeugt. Die Rolle dieser Funktion hängt von ihrer Position innerhalb der Struktur des jeweiligen psychologischen Typs ab.

Aufmerksamkeit ist keine vom Fühlen erzeugte Bedeutsamkeit und überhaupt kein Inhalt derselben Art. Sie besitzt eine Richtung, über die das Subjekt entscheidet. Auf dem rechten Weg richtet sie sich spontan auf die Hilfsfunktion; auf dem linken Weg muss sie willentlich auf der vierten Funktion gehalten werden.

Diese drei Größen dürfen nicht zu einer Kausalkette zusammengezogen werden.

Insbesondere gilt nicht:

Bedeutsamkeit → Aufmerksamkeit.

23. Von der Bedeutsamkeit zur Handlung

Die Bedeutsamkeit hat im Modell eine andere Konsequenz.

Sie beeinflusst die Handlungen des Subjektes.

Damit entsteht eine Verbindung zwischen psychischer Wirklichkeit und der von der Psyche unabhängigen Wirklichkeit.

Die unabhängige Wirklichkeit wirkt auf den Organismus. Durch psychische Funktionen entsteht psychischer Inhalt. Das Subjekt handelt wiederum in der unabhängigen Wirklichkeit.

Die Psyche bildet also keine abgeschlossene innere Welt.

Die Kausalbeziehung bleibt in beiden Richtungen erhalten, obwohl keine fertigen psychischen Inhalte aus der unabhängigen Wirklichkeit in die Psyche übertragen werden.

Gerade das Fühlen spielt an der Rückbindung zur Handlung eine entscheidende Rolle: Die von ihm erzeugte Bedeutsamkeit beeinflusst, was das Subjekt tut.

24. Aufmerksamkeit und Bedeutsamkeit führen in verschiedene Richtungen

Damit ergibt sich vielleicht die wichtigste Unterscheidung dieses Artikels.

Aufmerksamkeit und Bedeutsamkeit besitzen im Bewusstseinsmodell gewissermaßen verschiedene Wirkungsrichtungen.

Die Richtung der Aufmerksamkeit wirkt auf den Verlauf des psychischen Geschehens:

Welche Funktion erhält Aufmerksamkeit? Welcher Weg wird aktualisiert?

Die Bedeutsamkeit wirkt dagegen über das Subjekt nach außen:

Wie handelt das Subjekt in der von der Psyche unabhängigen Wirklichkeit?

Das bedeutet nicht, dass zwischen Aufmerksamkeit und Bedeutsamkeit empirisch keinerlei Beziehungen bestehen können.

Es bedeutet lediglich, dass das Bewusstseinsmodell die eine nicht aus der anderen ableitet.

Ihre theoretischen Funktionen sind verschieden.

25. Was bleibt vom Begriff „Interesse“?

Nach dieser Analyse verschwindet der Begriff des Interesses nicht.

Aber sein Status verändert sich.

Er erscheint nicht mehr als elementare psychische Größe.

Er wird zu einem Wort, mit dem verschiedene Konstellationen bezeichnet werden können.

Ein Gegenstand kann relevant sein.

Die Funktion des Fühlens kann Bedeutsamkeit für das Subjekt erzeugen.

Das Subjekt kann seine Aufmerksamkeit auf den Gegenstand beziehungsweise auf einen psychischen Inhalt richten.

Die Bedeutsamkeit kann Handlungen beeinflussen.

Wenn mehrere dieser Beziehungen gleichzeitig bestehen, sagen wir möglicherweise:

„Ich interessiere mich dafür.“

Eine Theorie des Bewusstseins muss sich mit dieser alltagssprachlichen Einheit jedoch nicht zufriedengeben.

Sie kann fragen, welche verschiedenen Beziehungen sich darin verbergen.

Schluss

Der Vergleich von RM-ODP, Jung und einer neueren Philosophie des Interesses führt nicht zu einer einheitlichen Definition des Interesses.

Er führt zu etwas möglicherweise Produktiverem: zur Dekomposition des Begriffs.

Das Bewusstseinsmodell unterscheidet mindestens drei Sachverhalte, die in anderen Zusammenhängen unter dem Begriff des Interesses zusammenkommen können:

Relevanz – Bedeutsamkeit – Aufmerksamkeit.

Relevanz führt zugleich zu einer möglichen Präzisierung der fundamentalen Unterscheidung zwischen Extraversion und Introversion.

Die extravertierte Einstellung richtet sich auf den konkreten Gegenstand unabhängig von seiner Relevanz für das Subjekt.

Die introvertierte Einstellung richtet sich auf das für das Subjekt Relevante und abstrahiert vom Irrelevanten.

Damit lässt sich erklären, weshalb extravertierte psychische Inhalte konkret und introvertierte psychische Inhalte abstrakt sind.

Bedeutsamkeit gehört dagegen zu einer anderen Ebene.

Sie ist psychischer Inhalt und wird durch die Funktion des Fühlens erzeugt.

Ihre Rolle hängt von der Position dieser Funktion innerhalb der Struktur des jeweiligen psychologischen Typs ab.

Die Richtung der Aufmerksamkeit wiederum wird vom Subjekt bestimmt. Auf dem rechten Weg richtet sich Aufmerksamkeit spontan auf die Hilfsfunktion; auf dem linken Weg muss sie willentlich auf der vierten Funktion gehalten werden.

Schließlich wirkt die vom Fühlen erzeugte Bedeutsamkeit nicht dadurch, dass sie die Aufmerksamkeit steuert. Sie beeinflusst die Handlungen des Subjektes in der von der Psyche unabhängigen Wirklichkeit.

Damit werden zwei Beziehungen sichtbar, die leicht miteinander verwechselt werden:

Aufmerksamkeit strukturiert den Weg des psychischen Geschehens.

Bedeutsamkeit beeinflusst die Handlung des Subjektes.

Und vielleicht liegt gerade darin der wichtigste Gewinn der Analyse.

Die Frage lautet dann nicht mehr:

„Was ist Interesse?“

Sondern:

Welche unterschiedlichen Sachverhalte bezeichnen wir, wenn wir von Interesse sprechen?

RM-ODP, Jung und Vazard geben darauf verschiedene Antworten, weil sie verschiedene Beziehungen betrachten.

Das Bewusstseinsmodell erlaubt es, diese Beziehungen voneinander zu trennen und ihnen unterschiedliche Stellen in einer gemeinsamen Struktur zuzuweisen.

Das scheinbar einfache Wort Interesse erweist sich damit nicht als ein einzelner psychischer Mechanismus, sondern als Schnittpunkt verschiedener Beziehungen zwischen Subjekt, Umwelt, psychischem Inhalt, Aufmerksamkeit und Handlung.