Wenn die Grenze zwischen Ich und Umwelt verschwindet: Extraversion und eine Psilocybin-Studie

Im August 2026 erschien in Nature eine Arbeit von Devon Stoliker, Anil Seth, Robin Carhart-Harris, Katrin Preller und Kolleg:innen über die Dynamik der Hirnaktivität unter Psilocybin. Die Forschenden verglichen die Aktivität des Gehirns in Ruhe, während Meditation, beim Musikhören und beim Anschauen eines Films.

Das Ergebnis war komplexer als die übliche Formel, Psychedelika erhöhten einfach die Entropie oder Unordnung des Gehirns.

Unter Psilocybin nahm tatsächlich die gewöhnliche Trennung großer funktioneller Netzwerke ab. Gleichzeitig wurde die Dynamik der Hirnaktivität jedoch stärker vom jeweiligen Kontext geprägt – davon, was eine Person in diesem Moment tat und erlebte. Besonders deutlich zeigte sich dieser Effekt bei Personen, die eine stärkere Auflösung der Grenze zwischen sich selbst und der Umwelt berichteten.

Die Forschenden beschreiben dieses Erleben mit dem Begriff embeddedness: Die Person erlebt sich nicht mehr als klar von der Umwelt getrennt, sondern als Teil eines zusammenhängenden Ganzen.

Für sich genommen hat dieser Befund nichts mit psychologischer Typologie zu tun. Dennoch ist es interessant, ihn mit der Art zu vergleichen, wie Carl Gustav Jung Extraversion beschrieb.

Extraversion bei Jung

In der populären Psychologie wird Extraversion häufig einfach als Geselligkeit, Offenheit oder stärkeres Interesse an der Außenwelt verstanden. Jungs ursprünglicher Begriff ist wesentlich radikaler.

In Psychologische Typen verbindet Jung die extravertierte Einstellung mit einem solchen Übergewicht des Objekts, dass das Subjekt zunehmend von ihm abhängig wird. An einer Stelle spricht er vom „völligen Aufgehen in der Wirklichkeit“. An anderer Stelle beschreibt er einen Zustand äußerster Abhängigkeit vom Objekt als vollständige Extraversion des bewussten Prozesses und als Identität von Subjekt und Objekt, bei der die Möglichkeit der Erkenntnis selbst verschwindet.

Die äußerste Ausprägung der Extraversion ist bei Jung also nicht bloß stärkere Hinwendung zur Außenwelt, sondern Verschmelzung mit dem Objekt, Aufgehen im Objekt und schließlich das Verschwinden des Ichs.

Gerade deshalb ist die aktuelle Psilocybin-Studie so interessant.

Mehr Unordnung – oder stärkere Abhängigkeit vom Kontext?

Wenn sich bei der Auflösung der Grenze zwischen Ich und Umwelt die gewöhnliche Trennung funktioneller Hirnnetzwerke abschwächt, lässt sich das zunächst als Zunahme von Unordnung beschreiben.

Die Arbeit von Stoliker und Kolleg:innen zeigt jedoch gleichzeitig etwas anderes: Diese „Unordnung“ ist nicht zufällig. Die Hirndynamik richtet sich stärker nach dem konkreten äußeren und inneren Kontext.

Mit anderen Worten: Eine Form von Ordnung nimmt ab – die übliche interne Segregation des Systems –, während eine andere zunimmt: die Organisation relativ zur Umwelt.

Damit lässt sich die Frage anders stellen.

Vielleicht bedeutet höhere Entropie in bestimmten Bewusstseinszuständen nicht einfach den Verlust von Ordnung, sondern eine Zunahme der Zahl von Inhalten und Beziehungen, die aus der Umwelt in den aktuellen psychischen Prozess aufgenommen werden können.

Extraversion und Relevanz von Inhalten

Im hier vorgeschlagenen Bewusstseinsmodell unterscheiden sich Extraversion und Introversion weder durch Geselligkeit noch durch die Richtung einer „psychischen Energie“.

Bei introvertierter Einstellung wird Umweltinhalt danach ausgewählt, ob er für das Subjekt relevant ist.

Bei extravertierter Einstellung kann die Psyche auch Umweltinhalte aufnehmen, die für das Subjekt selbst unmittelbar nicht relevant sind.

Der psychische Inhalt eines Extravertierten kann daher potenziell breiter sein und stärker vom aktuellen Kontext abhängen. In das Bewusstsein gelangt nicht nur, was mit den Bedürfnissen und Zuständen des Subjekts zusammenhängt, sondern auch Inhalt, der in der Umwelt unabhängig von dieser Relevanz vorhanden ist.

Daraus ergibt sich folgende Hypothese:

Eine erhöhte Kontextsensitivität bei abgeschwächter Grenze zwischen Ich und Umwelt könnte mit größerer Variabilität psychischer und neuronaler Inhalte einhergehen – nicht weil das System einfach chaotischer wird, sondern weil es durchlässiger für Inhalte der Umwelt wird.

Ein solcher Zustand erinnert tatsächlich an Jungs Beschreibung der Extraversion bis hin zum Extremfall, in dem das Subjekt im Objekt aufgeht.

Aber Psilocybin „erzeugt“ keine Extraversion

Für diesen Vergleich ist eine wichtige Einschränkung notwendig.

Die Studie von Stoliker und Kolleg:innen untersucht einen vorübergehend veränderten Bewusstseinszustand, der durch Psilocybin hervorgerufen wird. Jungs Extraversion ist eine psychologische Einstellung. Es handelt sich also um unterschiedliche Beschreibungsebenen.

Aus der Studie lässt sich deshalb weder schließen, dass Psilocybin einen Menschen „extravertiert“ macht, noch dass neuronale Entropie ein biologisches Maß für Extraversion ist.

Gemeint ist lediglich eine strukturelle Ähnlichkeit:

Die Abschwächung der Grenze zwischen Subjekt und Umwelt geht mit einer stärkeren Abhängigkeit der inneren Dynamik vom Kontext der Umwelt einher.

Gerade diese Ähnlichkeit erlaubt jedoch eine empirisch prüfbare Hypothese für die psychologische Typologie:

Wenn die extravertierte Einstellung tatsächlich eine größere Offenheit der Psyche für Inhalte der Umwelt bedeutet, dann sollte sich bei Extravertierten eine höhere kontextabhängige Variabilität psychischer Inhalte und eine geringere Filterung nach ihrer Relevanz für das Subjekt zeigen.

Dann ließe sich der Unterschied zwischen Extraversion und Introversion nicht mehr mit Fragen wie „Gehen Sie gern auf Partys?“ untersuchen, sondern danach, welche Inhalte bei Veränderungen der Umwelt ins Bewusstsein gelangen und welche Veränderungen des Kontextes die psychische Tätigkeit umorganisieren.

Vielleicht führt uns die moderne Neurowissenschaft damit unerwartet zu einem wesentlich radikaleren Begriff der Extraversion zurück, als er in der populären Psychologie üblich geworden ist.

Quelle

Stoliker D. et al. Psychedelics align brain activity with context. Nature, 2026.