In ihrem Buch Der MBTI. Die 16 Grundmuster unseres Verhaltens nach C. G. Jung. Eine dynamische Persönlichkeitstypologie stellen Richard Bents und Reiner Blank eine in der MBTI-Tradition verbreitete Vorstellung von der Entwicklung der psychologischen Funktionen dar. Nach dieser Auffassung differenzieren sich die Funktionen im Laufe des Lebens allmählich und nacheinander aus: zunächst die dominante Funktion, dann die sekundäre, darauf die tertiäre und schließlich die inferiore Funktion.
Dieses Bild erscheint plausibel und fügt sich gut in unsere gewöhnliche Vorstellung von der menschlichen Entwicklung ein: Das Kind verfügt zunächst über eine relativ undifferenzierte Psyche; später bilden sich seine Fähigkeiten allmählich heraus, spezialisieren und vervollkommnen sich; und Reife bedeutet schließlich einen zunehmend flexiblen Umgang auch mit jenen psychischen Möglichkeiten, die zuvor unentwickelt geblieben waren.
Hier werden jedoch zwei verschiedene Fragen miteinander verbunden:
In welcher Reihenfolge arbeiten die psychologischen Funktionen – und in welcher Reihenfolge entstehen oder differenzieren sie sich im Laufe des menschlichen Lebens?
Aus der Reihenfolge der Funktionen allein folgt noch nichts über ihre Ontogenese.
Das hier vorgeschlagene Bewusstseinsmodell behält die der Jungschen Typologie und dem MBTI zugrunde liegende Reihenfolge der Funktionen bei, interpretiert sie jedoch völlig anders. Die Funktionen differenzieren sich nicht in verschiedenen Lebensphasen nacheinander aus. Ihr struktureller Zustand entsteht wesentlich früher und verändert sich später nicht mehr.
Betrachten wir beide Auffassungen genauer.
Die Funktion als Präferenz, die sich durch Übung entwickelt
Bents und Blank beginnen ihre Erklärung mit einer leicht verständlichen Analogie. Die meisten Menschen haben eine bevorzugte Hand. Wenn jemand einen Stift nimmt, wählt er normalerweise nicht zufällig zwischen der rechten und der linken Hand, sondern benutzt automatisch die Hand, mit der er zu schreiben gewohnt ist.
Die Autoren nehmen an, dass mit den psychologischen Funktionen etwas Ähnliches geschieht.
Ein Mensch bevorzugt eine bestimmte Funktion und benutzt sie deshalb häufiger. Durch ständige Übung lernt er, immer geschickter mit ihr umzugehen. Die Funktion lässt sich zunehmend kontrollierter und zuverlässiger einsetzen, und der Mensch entwickelt ein immer genaueres Gespür dafür, wo und wie sie am besten verwendet werden kann. Der erfolgreiche Gebrauch der Funktion trägt wiederum dazu bei, dass sie noch häufiger eingesetzt wird.
Es entsteht eine positive Rückkopplung:
Präferenz → Übung → größere Geschicklichkeit → noch häufigerer Gebrauch.
Gleichzeitig erhält die entgegengesetzte Funktion weniger Übung. Ein Kind, das die Empfindung bevorzugt, übt nach dieser Vorstellung seine Intuition weniger; ein Kind, das die Intuition bevorzugt, entsprechend weniger die Empfindung.
Dadurch differenziert sich eine Funktion zunehmend aus, während ihr Gegenpol relativ undifferenziert bleibt.
In dieser Darstellung werden mehrere Begriffe faktisch zu einer einzigen Abfolge verbunden:
Präferenz → Gebrauch → Übung → Entwicklung → Differenzierung.
Je häufiger eine Funktion gebraucht und entwickelt wird, desto stärker differenziert sie sich aus.
Aber ist die Differenzierung einer Funktion tatsächlich das Ergebnis ihrer Übung?
Die aufeinanderfolgende Entwicklung der vier Funktionen
Anschließend beschreiben Bents und Blank nicht nur den Unterschied zwischen der bevorzugten und der entgegengesetzten Funktion, sondern auch eine angenommene Reihenfolge in der Entwicklung aller vier Funktionen.
Ihnen zufolge beginnt die Differenzierung der Persönlichkeitsfunktionen in den meisten Fällen wahrscheinlich nicht vor dem Jugendalter. Während der Jugendzeit wird als erste die dominante Funktion ausgebildet. Im Übergang zum Erwachsenenalter entwickelt sich die sekundäre Funktion. In den frühen Erwachsenenjahren richtet sich die Aufmerksamkeit auf die tertiäre Funktion. In der Lebensmitte oder noch später wird schließlich die inferiore Funktion entdeckt und entwickelt.
Es ergibt sich die Reihenfolge:
bevorzugte (dominante) → sekundäre → tertiäre → inferiore Funktion.
Im reifen Erwachsenenalter kann der Mensch im Idealfall eine gewisse Flexibilität im Umgang mit allen vier Funktionen erreichen.
Diese Reihenfolge wird von den Autoren in eine umfassendere Vorstellung von Individuation eingebettet. Unter Berufung auf Jung beschreiben sie den Lebensweg als eine Bewegung von der ursprünglichen „unbewussten Vollkommenheit“ des Kindes über die Unvollkommenheit des Erwachsenenlebens hin zur bewussten Ganzheit des reifen Menschen.
Diese Entwicklung kann mit Krisen verbunden sein. Unterdrückte oder unzureichend entwickelte Funktionen beginnen sich bemerkbar zu machen, manchmal auf recht heftige Weise. Der Mensch muss allmählich eine Beziehung zu ihnen aufbauen und sie in sein psychisches Leben integrieren.
Dabei sollte jedoch der epistemische Status dieser Darstellung beachtet werden.
Beschreibung oder Hypothese?
Bents und Blank verwenden einmal vorsichtig das Wort wahrscheinlich, wenn sie schreiben, dass die Differenzierung der Funktionen in den meisten Fällen nicht vor dem Jugendalter beginnt.
Die anschließende Reihenfolge wird jedoch weitgehend bereits als Beschreibung eines tatsächlich stattfindenden Vorgangs dargestellt: Zuerst wird die dominante Funktion ausgebildet, dann entwickelt sich die sekundäre, später die tertiäre und schließlich die inferiore Funktion.
Die Autoren berufen sich auf Jung und zitieren später auch Martin Buber, begründen jedoch nicht gesondert, warum die Reihenfolge der Funktionen zugleich die zeitliche Reihenfolge ihrer Differenzierung darstellen sollte.
Das sind jedoch zwei verschiedene Behauptungen.
Aus der Tatsache, dass vier Funktionen bestimmte Positionen zueinander einnehmen, folgt noch nicht, dass sie in entsprechenden Lebensphasen nacheinander entstehen oder sich differenzieren müssen.
Um eine solche altersabhängige Reihenfolge empirisch festzustellen, müsste zunächst definiert werden, anhand welcher beobachtbaren Kriterien festgestellt werden kann, dass eine bestimmte Funktion bei einem Kind noch undifferenziert ist und später differenziert wird. Anschließend wären Untersuchungen erforderlich, die eine solche Veränderung im Verlauf der Entwicklung nachweisen.
In der hier betrachteten Darstellung wird ein solcher Nachweis nicht erbracht.
Die Vorstellung von einer aufeinanderfolgenden Entwicklung der Funktionen ist daher als theoretische Hypothese zu betrachten – unabhängig davon, ob die Autoren selbst sie ausdrücklich als solche bezeichnen.
Auch das im Folgenden vorgeschlagene Modell ist eine Hypothese. Es geht jedoch von einem völlig anderen Verständnis der Differenzierung aus.
Was bedeutet die Differenzierung einer Funktion?
In unserem Modell ist Differenzierung kein Grad der Entwicklung einer Funktion.
Man kann nicht sagen, eine Funktion sei zunächst ein wenig differenziert, werde dann durch Übung immer stärker differenziert und erreiche schließlich einen hohen Differenzierungsgrad.
Eine Funktion befindet sich in einem von zwei strukturellen Zuständen:
Sie ist entweder differenziert oder undifferenziert.
Der Differenzierungszustand einer Funktion verändert sich nicht.
Darin liegt ein grundlegender Unterschied zu der von Bents und Blank dargestellten Auffassung.
Aus diesem Grund versuchen wir, den Ausdruck „Entwicklung einer Funktion“ überhaupt zu vermeiden. Damit ein solcher Ausdruck einen theoretischen Sinn erhält, müsste zunächst definiert werden, was genau sich dabei entwickelt.
Ein Mensch entwickelt sich, erwirbt Wissen und Fähigkeiten, beherrscht die Sprache, erlernt hochkomplexe Tätigkeiten und sammelt Erfahrungen. Der Inhalt seiner Psyche verändert sich fortwährend.
Daraus folgt jedoch noch nicht, dass sich die psychologischen Funktionen selbst entwickeln.
Im vorgeschlagenen Modell sind psychische Funktionen verschiedene Arten der Generierung psychischer Inhalte. Diese Auffassung und die daraus entstehenden Dichotomien werden ausführlich im Artikel Die Psyche, das Subjekt und die psychische Wirklichkeit behandelt. Dort wird die Psyche als System zur Generierung psychischer Inhalte definiert, während Subjekt und Umwelt die fundamentale Dichotomie der psychischen Wirklichkeit bilden.
Für den vorliegenden Zusammenhang genügt es festzuhalten, dass mit der Entstehung der Psyche zugleich fundamentale Unterscheidungen entstehen:
Subjekt – Umwelt;
Bewusstsein – Unbewusstes;
Empfindung – Intuition;
Denken – Fühlen.
Bewusstsein und Unbewusstes sind dabei keine eigenständigen Funktionen: Jede der vier Funktionen kann bewusst oder unbewusst sein.
Es handelt sich also nicht um die allmähliche Entstehung einzelner Elemente, sondern um die Entstehung einer Struktur.
Wann entstehen die vier Funktionen?
Wenn die Funktionen sich nicht nacheinander im Jugend- und Erwachsenenalter differenzieren, stellt sich eine naheliegende Frage: Wann entstehen sie?
Wir gehen davon aus, dass alle vier Funktionen bereits kurz nach der Geburt entstehen.
Für diese Hypothese spricht vor allem die außerordentlich schnelle psychische Entwicklung des kleinen Kindes.
Bereits in den ersten Lebensjahren nimmt ein Kind Eigenschaften konkreter Gegenstände wahr und unterscheidet sie, erwirbt eine enorme Menge an Wissen, eignet sich die Sprache an, erkennt Möglichkeiten, bestimmte Gegenstände und Situationen zu nutzen, baut Beziehungen zu anderen Menschen auf und orientiert sich daran, was für es erwünscht oder unerwünscht ist.
Mit anderen Worten: Lange vor dem Jugendalter lassen sich im psychischen Leben des Kindes Inhalte finden, die allen vier Jungschen Funktionen entsprechen – Empfindung, Intuition, Denken und Fühlen.
Es ist schwer zu erklären, wie sich ein Kind die Wirklichkeit so schnell erschließen kann, wenn man annimmt, dass diese Funktionen noch nicht als differenzierte Funktionen existieren.
Selbstverständlich verfügt ein kleines Kind nicht über das Wissen eines Erwachsenen und kann nicht das, was ein Erwachsener kann. Ein Mangel an Wissen und Fähigkeiten darf jedoch nicht mit der Undifferenziertheit einer psychologischen Funktion gleichgesetzt werden.
Das Kind lernt.
Daraus folgt nicht, dass sich mit jedem neuen Wissen oder jeder neu erworbenen Fähigkeit zugleich die Funktion entwickelt, durch die der entsprechende psychische Inhalt entstehen kann.
Der rechte Weg als Ausgangszustand
An dieser Stelle wird eine weitere Unterscheidung des vorgeschlagenen Modells wichtig: die Unterscheidung zwischen dem rechten und dem linken Weg des Bewusstseins.
Auf dem rechten Weg sind alle vier Funktionen differenziert.
Auf dem linken Weg ist nur die Hauptfunktion differenziert. Die anderen drei Funktionen sind undifferenziert und miteinander verschmolzen.
Diese Unterscheidung ist besonders wichtig, weil sie es ermöglicht, die Schwierigkeiten, die Bents und Blank mit unzureichend entwickelten Funktionen in Verbindung bringen, anders zu erklären.
Auf dem rechten Weg verfügt das Bewusstsein über vier differenzierte Funktionen. Jede von ihnen kann den ihr entsprechenden Inhalt generieren, ohne mit dem Inhalt der entgegengesetzten Funktion zu verschmelzen.
Auf dem linken Weg ist die Situation grundsätzlich anders. Drei der vier Funktionen sind undifferenziert. Entgegengesetzte Funktionen sind miteinander verschmolzen und können deshalb die Orientierung nicht in derselben Weise gewährleisten wie differenzierte Funktionen.
Das Problem besteht also nicht darin, dass ein Mensch eine bestimmte Funktion zu wenig „trainiert“ hat.
Das Problem ist struktureller Natur.
Die „unbewusste Vollkommenheit“ des Kindes
In diesem Zusammenhang wird die von Bents und Blank angeführte Vorstellung Jungs, dass der Mensch seinen Lebensweg in einem Zustand „unbewusster Vollkommenheit“ beginnt, besonders interessant.
Sie lässt sich anders interpretieren als bei den Autoren.
Die unbewusste Vollkommenheit des Kindes kann dem rechten Weg des Bewusstseins entsprechen, auf dem alle vier Funktionen differenziert sind.
„Unbewusst“ bedeutet dabei jedoch nicht, dass die Funktionen selbst oder die Struktur der Psyche später allmählich zu Bewusstseinsinhalten werden müssten. Ein Mensch nimmt seine eigenen psychologischen Funktionen und ihre strukturellen Beziehungen weder als Kind noch als Erwachsener unmittelbar wahr.
Was ihm gegeben ist, sind die von den Funktionen generierten Inhalte.
Die Funktionen selbst und die Beziehungen zwischen ihnen können nur theoretisch rekonstruiert werden.
Die Unbewusstheit einer Struktur und die Undifferenziertheit einer Funktion sind daher zwei völlig verschiedene Dinge.
Kann ein Mensch auf dem rechten Weg bleiben?
Der rechte Weg ist keine Entwicklungsstufe, aus der ein Mensch irgendwann herauswachsen muss.
Ein Mensch kann auf dem rechten Weg bleiben.
Die von den Funktionen generierten Inhalte verändern sich im Laufe des Lebens. Das Kind erwirbt Wissen, Erfahrungen und Fähigkeiten; neue Beziehungen, Aufgaben, Interessen und Tätigkeitsformen entstehen.
Die Richtung der Aufmerksamkeit kann dabei unverändert bleiben.
Sie kann sich aber auch verändern.
Hier wird der angenommene Mechanismus des Übergangs auf den linken Weg relevant.
Aufmerksamkeit und die der Hilfsfunktion entgegengesetzte Funktion
Besonders interessant ist ein Vergleich des vorgeschlagenen Modells mit der Terminologie von Bents und Blank.
Auf dem rechten Weg arbeiten die Funktionen in folgender zeitlicher Reihenfolge:
Hauptfunktion → Hilfsfunktion → sechste Funktion → dritte Funktion.
Diesen Positionen entsprechen die Funktionen, die Bents und Blank als
bevorzugte (dominante) → sekundäre → tertiäre → inferiore Funktion
bezeichnen.
Diese Übereinstimmung ist für sich genommen keine Bestätigung des vorgeschlagenen Modells: Die entsprechende Reihenfolge wurde bei seiner Konstruktion axiomatisch vorausgesetzt.
Entscheidend ist etwas anderes.
Ein und dieselbe Reihenfolge erhält eine völlig unterschiedliche Interpretation.
Bents und Blank machen daraus eine Abfolge der Funktionsentwicklung im Verlauf eines menschlichen Lebens.
Im vorgeschlagenen Modell handelt es sich dagegen um die zeitliche Reihenfolge der Arbeit bereits differenzierter Funktionen auf dem rechten Weg.
Aus der Reihenfolge
dominante → sekundäre → tertiäre → inferiore Funktion
folgt daher keineswegs von selbst die zeitliche Abfolge
Jugendalter → Übergang zum Erwachsenenalter → frühes Erwachsenenalter → Lebensmitte.
Für einen solchen Schluss ist eine zusätzliche Hypothese über die Ontogenese der Funktionen erforderlich.
Die tertiäre Funktion und der Übergang auf den linken Weg
Eine besondere Bedeutung erhält die Funktion, die Bents und Blank als tertiär bezeichnen.
In unserem Modell entspricht ihr die der Hilfsfunktion entgegengesetzte Funktion.
Auf dem rechten Weg folgt die Aufmerksamkeit dem Inhalt der Hilfsfunktion. Die Aufmerksamkeit auf dem Inhalt der ihr entgegengesetzten Funktion zu halten, erfordert eine Willensanstrengung – Zwang oder Selbstzwang.
Ein kleines Kind ist zu einem anhaltenden willentlichen Selbstzwang dieser Art noch nicht fähig. Deshalb ist der rechte Weg der Ausgangszustand.
Später kann sich die Situation verändern. Äußerer Zwang oder ein auf seiner Grundlage entstandener Selbstzwang kann dazu führen, dass ein Mensch seine Aufmerksamkeit auf dem Inhalt der der Hilfsfunktion entgegengesetzten Funktion hält.
Dadurch wechselt das Bewusstsein auf den linken Weg.
Die Empfehlung, die tertiäre Funktion zu entwickeln oder zu integrieren, die innerhalb eines Modells der aufeinanderfolgenden Funktionsentwicklung selbstverständlich erscheint, erhält im vorgeschlagenen Modell daher eine völlig andere Bedeutung.
Es geht nicht darum, wie geschickt ein Mensch gelernt hat, diese Funktion einzusetzen, sondern darum, auf dem Inhalt welcher Funktion die Aufmerksamkeit gehalten wird und zu welcher Organisation des Bewusstseins dies führt.
Warum auf dem linken Weg Schwierigkeiten entstehen
Bents und Blank erklären Schwierigkeiten mit einer unzureichenden Entwicklung oder Unterdrückung von Funktionen. Sie verwenden das anschauliche Bild eines Hundes, der angekettet wird, zu wenig Futter erhält und weder herumtoben noch mit anderen Hunden spielen darf. Es überrascht nicht, wenn ein eigentlich normales Tier unter solchen Bedingungen aggressiv wird.
Ähnlich kann sich nach ihrer Darstellung eine lange unterdrückte Funktion schließlich unkontrolliert und störend bemerkbar machen.
Das vorgeschlagene Modell bietet eine andere Erklärung.
Eine undifferenzierte Funktion ist nicht einfach eine vollständig differenzierte Funktion, der man zu wenig Gelegenheit gegeben hat, sich zu betätigen.
Auf dem linken Weg sind drei der vier Funktionen undifferenziert und miteinander verschmolzen.
Gerade deshalb entstehen Schwierigkeiten bei der Orientierung.
Eine differenzierte Funktion kann den Inhalt ihres eigenen Typs getrennt von der ihr entgegengesetzten Funktion generieren. Im undifferenzierten Zustand fehlt diese Trennung.
Mehr Aufmerksamkeit auf eine undifferenzierte Funktion zu richten, löst das Problem daher nicht. Die Funktion wird dadurch nicht differenziert, denn der Differenzierungszustand einer Funktion verändert sich im Modell nicht.
Darüber hinaus führt das willentliche Festhalten der Aufmerksamkeit am Inhalt der der Hilfsfunktion entgegengesetzten Funktion nicht zu ihrer allmählichen Integration. Gerade dieses Festhalten der Aufmerksamkeit führt das Bewusstsein auf den linken Weg.
Muss die tertiäre Funktion integriert werden?
Aus der Perspektive des vorgeschlagenen Modells wird daher insbesondere die Vorstellung fraglich, dass zunächst die tertiäre und später die inferiore Funktion integriert werden müssten.
Im Modell von Bents und Blank ist dies die natürliche Fortsetzung der Persönlichkeitsentwicklung.
Zunächst erreicht der Mensch einen hohen Differenzierungsgrad der dominanten Funktion. Danach bilden dominante und sekundäre Funktion ein stabiles Paar. Später erscheint diese Organisation nicht mehr ausreichend, und der schwierige Prozess der Hinwendung zur tertiären Funktion beginnt.
Der Konflikt zwischen sekundärer und tertiärer Funktion wird als eine Etappe auf dem Weg zu größerer Ganzheit interpretiert.
Im vorgeschlagenen Modell erhält derselbe Vorgang die entgegengesetzte Erklärung.
Die tertiäre Funktion bei Bents und Blank entspricht der der Hilfsfunktion entgegengesetzten Funktion. Die Aufmerksamkeit auf ihrem Inhalt zu halten, ist keine notwendige Stufe der Reifung der Persönlichkeit. Es führt das Bewusstsein auf den linken Weg.
Die Schwierigkeiten, die bei einem solchen Übergang entstehen, müssen daher nicht als Widerstand einer unzureichend entwickelten Funktion gegen ihre notwendige Integration erklärt werden.
Sie entstehen, weil auf dem linken Weg drei Funktionen undifferenziert sind.
Individuation und Krise
Damit muss auch der von Bents und Blank beschriebene Individuationsprozess neu betrachtet werden.
Die Autoren verbinden die Bewegung zur Ganzheit mit Krisen. Die gewohnte Organisation der Persönlichkeit reicht dem Menschen nicht mehr aus. Funktionen, die er zuvor vernachlässigt hatte, beginnen sich bemerkbar zu machen. Ihre Integration ist schmerzhaft, aber gerade durch sie wird die Persönlichkeit allmählich vollständiger.
Eine andere Interpretation ist möglich.
Die Krisen, die diesen Prozess begleiten, sind mit dem linken Weg des Bewusstseins verbunden.
Wenn der rechte Weg, auf dem alle vier Funktionen differenziert sind, den Ausgangszustand darstellt, kann der Übergang zu einem Zustand, in dem drei Funktionen undifferenziert und miteinander verschmolzen sind, nicht als Bewegung von Unvollständigkeit zu Ganzheit verstanden werden.
Im Gegenteil: Schwierigkeiten bei der Orientierung sind eine natürliche Folge des strukturellen Zustands der Funktionen auf dem linken Weg.
Damit stellt sich eine paradoxe Frage: Könnte ein Prozess, der traditionell als Bewegung zu größerer Ganzheit interpretiert wird, in Wirklichkeit ein Prozess sein, in dem das Bewusstsein die Möglichkeit einer differenzierten Orientierung durch drei seiner vier Funktionen verliert?
Das bedeutet nicht, dass Krisen im menschlichen Leben nur eine einzige Ursache haben. Hier geht es ausschließlich um jene Krisen, die innerhalb des betrachteten typologischen Modells als Folge der Auseinandersetzung mit der tertiären und der inferioren Funktion interpretiert werden.
Von der unbewussten Vollkommenheit zur bewussten Ganzheit?
Nun können wir zur Vorstellung von der „unbewussten Vollkommenheit“ des Kindes zurückkehren.
In der von Bents und Blank dargestellten Auffassung ergibt sich eine eigentümliche Entwicklungskurve. Das Kind beginnt in unbewusster Ganzheit. Dann entsteht durch die Differenzierung einzelner Funktionen eine zunehmende Einseitigkeit. Später soll der reife Mensch die Ganzheit wiedergewinnen – nun allerdings bewusst.
Wenn der rechte Weg der Ausgangszustand ist, lässt sich diese Entwicklung anders verstehen.
Das Kind kann sich tatsächlich in einem Zustand ursprünglicher Ganzheit befinden – nicht weil seine Funktionen noch nicht voneinander getrennt sind, sondern gerade weil alle vier Funktionen differenziert sind und Orientierung ermöglichen können.
Undifferenziertheit und Ganzheit sind dann keine Synonyme mehr.
Mehr noch: Sie werden beinahe zu Gegensätzen.
Differenzierung zerstört die ursprüngliche Ganzheit nicht. Sie ist eine Voraussetzung für angemessene Orientierung.
Die Undifferenziertheit dreier Funktionen tritt nicht am Anfang des Lebens als ein Zustand auf, der später überwunden werden muss. Sie tritt auf dem linken Weg des Bewusstseins auf.
Zwei verschiedene Bilder der menschlichen Entwicklung
Am Ende stehen sich damit zwei wesentlich verschiedene Vorstellungen gegenüber.
Die erste beschreibt das menschliche Leben als eine allmähliche Differenzierung der psychologischen Funktionen. Anfangs sind die Funktionen relativ undifferenziert. Dann erhält eine von ihnen den Vorrang, wird geübt und entwickelt sich. Später kommen weitere Funktionen hinzu. Der Weg zur Reife verlangt die Entwicklung und Integration zunehmend weniger bevorzugter Funktionen, und die dabei auftretenden Krisen sind Bestandteil des Individuationsprozesses.
Die zweite Vorstellung geht davon aus, dass die Struktur wesentlich früher entsteht.
Alle vier Funktionen sind bereits in der frühen Kindheit vorhanden. Auf dem rechten Weg sind sie differenziert. Ihr Differenzierungszustand verändert sich weder durch Übung noch durch Lernen oder Älterwerden.
Das Kind entwickelt sich – daraus folgt jedoch nicht, dass sich die Funktionen entwickeln.
Der Inhalt der Psyche verändert sich. Neues Wissen, neue Beziehungen, Fähigkeiten und Tätigkeitsformen entstehen. Der Mensch eignet sich Sprache und Kultur an, erhält eine Ausbildung und sammelt berufliche und persönliche Erfahrungen.
Ein Mensch kann auf dem rechten Weg bleiben.
Die Richtung der Aufmerksamkeit kann sich jedoch verändern. Wenn die Aufmerksamkeit auf dem Inhalt der der Hilfsfunktion entgegengesetzten Funktion festgehalten wird, wechselt das Bewusstsein auf den linken Weg. Auf diesem Weg bleibt nur die Hauptfunktion differenziert, während die anderen drei Funktionen undifferenziert und miteinander verschmolzen sind.
Der Unterschied zwischen dem rechten und dem linken Weg kann daher nicht als Unterschied zwischen einer früheren und einer späteren Entwicklungsstufe verstanden werden.
Es handelt sich um zwei verschiedene Zustände der Organisation des Bewusstseins.
Schluss
Die Vorstellung von der aufeinanderfolgenden Entwicklung der vier Funktionen fügt sich so selbstverständlich in unsere allgemeine Vorstellung vom Erwachsenwerden ein, dass man sie leicht akzeptieren kann, ohne eine zusätzliche Frage zu stellen:
Was genau entwickelt sich hier eigentlich?
Der Mensch entwickelt sich zweifellos.
Daraus folgt jedoch nicht, dass sich die psychologischen Funktionen entwickeln.
Ein Kind erwirbt Wissen, eignet sich die Sprache an, lernt, Gegenstände zu benutzen und Möglichkeiten von Situationen wahrzunehmen, baut Beziehungen zu anderen Menschen auf und unterscheidet zwischen dem, was für es erwünscht und unerwünscht ist. All dies geschieht lange vor dem Jugendalter, in das Bents und Blank den Beginn der Differenzierung der Funktionen verlegen.
Daher lässt sich eine andere Erklärung vorschlagen: Die vier Funktionen entstehen nicht nacheinander durch Übung, sondern sind wesentlich früher als Elemente einer bereits bestehenden Struktur der Psyche vorhanden.
In diesem Fall müssen wir zwischen dem von einer Funktion generierten Inhalt und dem strukturellen Zustand der Funktion unterscheiden.
Der Inhalt verändert sich fortwährend.
Der Differenzierungszustand verändert sich nicht.
Die traditionelle Reihenfolge
dominante → sekundäre → tertiäre → inferiore Funktion
kann dann völlig anders verstanden werden.
Sie muss nicht Jahrzehnte eines menschlichen Lebens beschreiben.
Auf dem rechten Weg entspricht ihr die Reihenfolge
Hauptfunktion → Hilfsfunktion → sechste Funktion → dritte Funktion,
also die zeitliche Reihenfolge, in der bereits differenzierte Funktionen arbeiten.
Ein und dieselbe Reihenfolge lässt somit zwei verschiedene Interpretationen zu.
Die Frage lautet dann nicht mehr:
In welchem Alter entwickelt sich welche Funktion?
Sie lautet grundlegender:
Entwickeln sich die psychologischen Funktionen überhaupt – oder entwickelt sich der Mensch, während seine Psyche von Anfang an eine bestimmte Struktur besitzt?